Die Rhetorik des „Nichts-Damit-Zu-Tun-Habens“

 Glaubt man den Reaktionen auf die Ereignisse im Nahen Osten und in Europa, so hat nichts mehr mit irgendetwas zu tun. Statt kontroverser Diskussionen erleben wir den Aufstieg einer unentwegt plappernden, aber dennoch positionslosen und im Kern zensorischen, weil zutiefst verängstigten Enthaltungskultur.

Der Essay ist am 11.3.2015 auf der Website der Achse des Guten erschienen.

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4 Jahre nach der Tsunami-Katastrophe: Für Merkel sind die Ertrunkenen auch Strahlentote

„Es können die unwahrscheinlichsten Risiken auftreten“, sagte Angela Merkel gestern im Hinblick auf den anstehenden Jahrestag der Tsunami-Katastrophe als Erklärung dafür, in Deutschland die AKWs bis 2022 endgültig abzuschalten. Die Aussage ähnelt stark an die „unbekannten Unbekannten“ des einstigen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld. Galten in der Vergangenheit wahrscheinliche Risiken als handlungsweisend, so sind es nun also die unwahrscheinlichsten, an denen wir Politik ausrichten sollen. Man könnte sich fragen: Vier Jahre nach Fukushima – wie weit sind die Tsunami-Schutzwälle in Deutschland? Oder auch: Wie „wahrscheinlich“ ist es, dass Merkel davon ausgeht, dem Atomunfall in Fukushima seien Zehntausende zum Opfer gefallen?
(Kleiner Tipp: Der Atomunfall hat niemanden umgebracht)

Je länger man darüber nachdenkt, desto unglaublicher ist das Ganze. „In einer außen- und europapolitischen Grundsatzrede in der Redaktion einer großen linksliberalen Zeitung erinnerte die Kanzlerin an die Opfer der Tsunami- und Atomkatastrophe vor vier Jahren“, schreibt die ZEIT. Nochmals: Wer den Todesopfern des 11. März 2011 gedenken will, braucht den Atomunfall nicht zu nennen. Aber die deutsche Atomhysterie scheint es zu legitimieren, Tsunamiopfer posthum auch noch zu Strahlentoten umzufirmieren (oder sollte man sagen: „moralisch aufzuwerten“?). Eigentlich ist das ein Affront gegenüber dem Gastgeber! Aber Japan reagiert souverän auf den gewollten deutschen Fauxpas: Höfliches Schweigen und Lächeln – und ab heute weiter die eigene Energiepolitik verfolgen. Richtig So!

http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-03/angela-merkel-japan-atomausstieg

Wozu brauchen wir die Schariah? Freiheit kann man auch anders zerstören.

„In der gesamten EU soll demnächst nicht nur die Leugnung des Holocaust verboten, sondern die „öffentliche Duldung, Leugnung oder massive Trivialisierung von Genozid-Verbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen“ mit einem bis drei Jahren Gefängnis bestraft werden müssen. … Das gleiche Gesetz will die Verbreitung „von Traktaten, Bildern oder anderem Material“ unter Strafe stellen, das sich „gegen eine Gruppe von Personen oder ein Mitglied einer solchen Gruppe definiert durch Rasse, Hautfarbe, Religion, Abstammung oder nationale oder ethnische Zugehörigkeit richtet“. Damit wird das Verbot der Religionskritik in Europa wieder eingeführt. In der Praxis wird das auf ein Verbot der Islam-Kritik hinauslaufen.“

Die Beerdigung des mündigen Verbrauchers

Sehr aufschlussreich – und beunruhigend zugleich, der Artikel von Corinna Budras aus der F.A.Z. vom 10.2.2015:
„Die Verbraucherschützer … sind begeistert. Die Abkehr vom Bild des mündigen Verbrauchers fordern sie schon lange. Billens Nachfolger an der Spitze der Verbraucherzentrale, Klaus Müller, findet deutliche Worte. Als „Lebenslüge“ bezeichnet er das Konstrukt des „mündigen Verbrauchers“ – das zentrale Leitbild, das das Wirtschaftsleben jahrzehntelang geprägt hat.“

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/der-verbraucherschutz-als-vormund-fuer-die-buerger-13415856-p3.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3

Westliche Medien: naive Handlanger des IS

Ein englisches Sprichwort lautet: „It takes two to Tango.“ Zum Tangotanzen braucht man zwei. Brendan O’Neill, Chefredakteur des britischen Online-Magazins Spiked, hat das Sprichwort ergänzt, bzw. aktualisiert:

„It takes two to tango — it also takes two to terrorise: the terrorist himself and the interpreter of his act, the media, which can spread far and wide the fear that the terrorist longs to strike into our hearts but is incapable of disseminating on his own.“

Es braucht auch zwei, um Terrorismus zur vollen Entfaltung zu bringen: Den Terroristen selbst, und denjenigen, der seine Tat interpretiert und die Angst bis in die hintersten Ecken der Welt verbreitet, so weit, wie es der einzelne Terrorist niemals vermögen würde.

Die Art und Weise, in der sich die westliche Medien auf die Hinrichtungen des „Islamischen Staats“ (IS) stürzen und ausschlachten, macht sie fast zu Handlangern, zumindest aber zur kostenfreien PR-Abteilung der Terrororganisation.

Würde die westliche Öffentlichkeit aufhören, sich über die Gräueltaten des IS jedes Mal aufs Neue zu ergötzen, die Taten verlören ihre eigentliche Bedeutung. Denn der IS hat von den Hinrichtungen nur dann einen Vorteil, wenn sie im Westen Verbreitung finden und Angst und Schrecken verbreiten. Dies ist gerade im Moment wichtig, da die Terrormiliz sowohl in Kobane als auch im Irak zunehmend in die Defensive gerät und der Mythos ihrer Unbesiegbarkeit im Westen gefährdet ist.

Das heißt keineswegs, dass die Taten des „Islamischen Staates“ verschwiegen werden sollten. Wir sollten über sie berichten und sie zur Kenntnis nehmen. Wir sollten uns ihnen aber im vollen Selbstvertrauen und im Vertrauen auf Aufgeklärtheit und Zivilisiertheit entgegenstellen und sie als das begreifen, was sie sind: Rückzugsgefechte einer barbarisch-rückschrittlichen Ideologie, der wir nur Herr werden können, wenn wir nicht selbst in die Falle der Barbarei und der Angstkultur tappen und uns Menschlichkeit als höchsten Wert bewahren.

„Der Pechstein des Anstoßes“ reloaded

Vor fünf Jahren schrieb ich in meinem Kommentar zum Fall Claudia Pechstein

„Nach dem CAS-Urteil gegen die deutsche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein vom November scheinen für die Anti-Doping-Krieger einfachere Zeiten anzubrechen. Denn mit der Positivliste müssen sie jetzt nicht mehr argumentieren. Pechstein wurde mit einer Sperre belegt, obwohl ihr kein Doping nachgewiesen werden konnte. In der sogenannten „indirekten Beweisführung“ wurde argumentiert, die Blutwerte der Olympiasiegerin seien „unnatürlich“ und nur mit Doping zu erklären. Spannend dürfte es werden, wenn einmal genauer hinterfragt wird, was im Zeitalter des modernen Leistungssports, der „von Natur aus“ mit Natur wenig am Hut hat, unter „unnatürlich“ zu verstehen ist.“

Heute nun hat eine vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beauftragte medizinische Kommission den 2009 vom Internationalen Eisschnelllauf-Verband (ISU) festgestellten „indirekten Beweis“ für Blut-Doping bei Pechstein für nicht haltbar erklärt.

Spannend könnte es werden, wenn man nun noch die Zusammenhänge zwischen der Vorverurteilungskultur im Dopingkampf und den zahlreichen Unstimmigkeiten und Lücken bei der Definition des „Dopingbegriffs“ thematisiert. Möglicherweise geschieht dies, wenn den Gerichten dämmert, das „Sportgerichtsbarkeit“ mit den Grundsätzen des Rechtsstaats des Öfteren wenig gemein hat. Mehr dazu in meinem Artikeldossier „Sport, Doping &Ethik“

Kölle Allah: Rosenmontagszug ohne Charlie-Hebdo-Wagen

Ich war noch nie ein Karnevalist. Was ich aber noch am ehesten mochte, waren die Reste an politisch unkorrekter Frechheit und die aufmüpfige Tradition, gegen „die da oben“ und auch mal gegen den Zeitgeist zu schießen. Aber wenn sich nun die Angst über alles legt, ist auch beim Karneval kein Platz für Freiheit. Na denn: Kölle Allah.

Karnevalisten ziehen „Charlie Hebdo“-Wagen zurück

Terrorangst: Selbstzerstörungssequenz eingeleitet in 3, 2, 1 …

Ja, der Westen schafft sich ab. Er braucht dazu aber – und das ist meiner Meinung nach das zentrale Missverständnis in der Debatte, und auch von Alexander Kissler in seinem Artikel „Der Westen schafft sich ab“ – keinerlei islamistischen Terror. Die bloße Angst vor dem Terror reicht da völlig aus.

Der Westen schafft sich ganz von alleine ab. Es reicht die Anfrage eines Mannes bei Aldi, und weg ist die Flüssigseife. Es reicht die Idee von Ralf König, man könne ihn attackieren, und weg ist sein Comic. Es reicht die Angst vor (den Kosten der Abwendung von) Protesten, und Hanau entscheidet kurz entschlossen, eine Karikaturenausstellung nicht zu zeigen – um die Entscheidung dann ebenso kurzentschlossen zu revidieren. Es reicht die Vorstellung, Muslime könnten Einspruch erheben gegen ein Theaterstück, und abgesetzt ist es.

Das ist das Problem mit einer, wie Kissler schreibt, „vorauseilenden Unterwerfungsgeste“: Sie verstärkt die Wirkung des Terrors nicht nur, sie macht ihn überflüssig. Wer solche Selbstschutzmechanismen hat, braucht gar keine reale Bedrohung, es reicht die gefühlte, oder sogar die erfundene.

Aufklärung für den Islam – und was ist mit uns?

Es ist schon seltsam: Dieselben Leute, die dem Islam eine Aufklärung nach westlichem Vorbild wünschen, haben eben diese Aufklärung schon lange selbst ad acta gelegt. Das Misstrauen gegenüber dem einfachen Bürger ( = potenzieller Pegida-Anhänger), freier demokratischer Gesellschaftsorganisation ( = eh alle korrupt und egoistisch) und gegenüber Wissenschaft und Forschung ( = Umweltverschrottung & Menschenvergiftung) sitzt so tief, dass man sich fragt, was da „dem Islam“ eigentlich an den Hals gewünscht wird.

Vielleicht wäre auch hierzulande eine neue Aufklärung geboten, nicht nur hinsichtlich der Beschränkung religiöser Macht, sondern auch in Bezug auf ihre ureigensten Werte, die erst das Zurückdrängen religiöser Vorstellungen möglich machten. Dann käme unsere Gesellschaft auch nicht auf die Idee, in ihrem Angstfieberwahn die eigenen zivilisatorischen Errungenschaften so bereitwillig aus dem Fenster zu werfen. Solange die „Progressiven“ hierzulande aber vom Menschen ungefähr so viel halten wie die Mörderbanden des Islamischen Staates, braucht sich jedenfalls niemand besonders viel auf die westliche Zivilisiertheit einbilden.

Matthias Heitmann