Ist Galilei schuld an der Erdbewegung – und die Schweiz an der Flut?

Während sich die Fluten noch durch Deutschland wälzen, kommt nicht nur vielerorts das normale Leben, sondern zuweilen auch das vernünftige Denken zum Erliegen. Sie mögen das für eine Variante des typisch deutschen Schwermuts und krampfhaften Schuldsuchens abtun wollen, aber vergessen Sie dabei eines nicht: Angesichts der immer deutscher werdenden EU könnte das für die Schweiz gefährliche Konsequenzen haben. Ein satirischer Kommentar.

Galileo Galilei war ein italienischer Philosoph, Mathematiker, Physiker und Astronom, der bahnbrechende Irrtümer auf mehreren Gebieten der Naturwissenschaften beging. Von ihm stammte u.a. die halsbrecherische Behauptung, die Erde bewege sich um die Sonne. Immer wieder hatte er dies öffentlich behauptet und es sogar niedergeschrieben. Schliesslich verurteilte ihn die heilige Inquisition der römisch-katholischen Kirche wegen Ketzerei, vor allem aber auch deshalb, weil er mit seinen wahnwitzigen Geschichten die Erde aus den fest verankerten Angeln gehoben hatte. Die Folgen dieses Tuns bekommen wir bis heute zu spüren. Seit Galilei sind wir sicher: Die Erde dreht sich um die Sonne.

Sie sind der Meinung, diese Darstellung der Geschichte Galileis animiere in nicht zulässiger Weise dazu, falsche Schlüsse zu ziehen? Dann haben Sie die seltsamen Ausprägungen mancher Debatten verpasst, die sich knapp hinter dem Scheitel der deutschen Flutwellen ausbreiteten und dem Hochwasser noch eine anständigen Schluck Apokalypsengeist zusetzen. Wer hier bei klarem Verstand blieb, konnte völlig neue Dimensionen dessen erleben, was in der deutschen Medienöffentlichkeit als «falsche Schlussfolgerung» und als «nicht wirklich zulässig» gilt.

Während wir also mit stundenlangen Live-Schaltungen in die Krisenregionen mit einer Art «Big Brother under water» weichgeklöppelt und uns mit ebenso geistreichen wie einfühlsamen Betroffenheits-Interviews – «Wie fühlen Sie sich jetzt, wenn Sie Ihrem Haus beim Untergehen zusehen?» «Verdammt schlecht!» «Warum genau?» – in die seltsame Rolle des mitleidenden Voyeurs gedrängt werden sollten, fühlten sich besonders kritische Geister dazu berufen, zum grossen Schlag auszuholen. Den Vogel schoss Jakob Augstein, der Besitzer der Wochenzeitung «Der Freitag», mit seiner «Spiegel Online»-Kolumne «Wir sind schuldig!» ab. Und eben nicht nur «mitschuldig», wie es dem Voyeur gerne unterstellt wird, nein: «schuldig».

«Ob dieses eine Hochwasser auf die von Menschen gemachte Erderwärmung zurückgeht, wird sich nicht beweisen lassen. Die Frage ist: Welchen Beweis brauchen die Klimawandelleugner, bevor ihnen die Augen aufgehen?», predigte Augstein auf alle diejenigen ein, von denen er annimmt, sie würden den Klimawandel leugnen und damit letztlich dem Hochwasser erst den Weg in die Ebenen ebnen. Auch deren Schuld lasse sich zwar nicht beweisen, aber wer braucht schon Beweise, wenn es um Schuld geht? Auf die Deiche will Augstein die Sünder führen, damit das Wasser ihnen die Augen öffne. Dabei ist er doch selbst das lebende Beispiel dafür, dass gerade der Mangel an Beweisen den Glauben an die eigene Wahrheit festigen kann. Gewissermassen stellvertretend für alle, die angesichts der zunehmenden Hinweise auf die globale Erwärmungspause leicht an der Unfehlbarkeit des Weltklimarates zu zweifeln begannen, schoss sich Augstein auf die beiden deutschen Journalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch ein: «Wahlweise rechnen die beiden mit statistischen Taschenspielertricks die menschengemachte Erderwärmung weg oder geben gleich der Sonne die Schuld.»

Nun ist es ist eine wirklich an den Haaren herbeigezogene Unterstellung, die Sonne könnte auch nur im Entferntesten etwas mit der Klimaentwicklung auf diesem Planeten zu tun haben. Sie taugt ja nicht einmal dazu, den Absatz deutscher Solarzellen so hoch zu halten, dass die übersubventionierte deutsche Solarindustrie den chinesischen Fluten standhält! Und ausserdem: Wer überprüft schon die Heizung, bevor er im Sommer im eigenen Wohnzimmer bei geschlossenen Fenstern an Hitzschlag stirbt? Womit wir wieder bei Galilei wären: Auch er hatte ein gestörtes Verhältnis zur Sonne: Er degradierte sie vom die Erde friedlich umschwärmenden Leuchtelement zum sinnlos herumhängenden, extrem unnachhaltig seine Energie verschleudernden und nun auch noch den Mittelpunkt unseres planetaren Leidensweges bildenden Fixstern. Aber vielleicht ist das mit Ketzern so, dass sie teufelsgleich nicht nur das Weihwasser, sondern auch unwiderlegbare Wahrheiten scheuen, unabhängig davon, welche katastrophalen Konsequenzen das hat.

Was das nun alles mit der Schweiz zu tun hat, fragen Sie? Eine berechtigte Frage. Jakob Augstein würde sagen: Steigen Sie doch einfach hinab ins Tal und auf einen Deich, und Sie werden es schon sehen! Wenn Sie sich vergegenwärtigen, wie fantasievoll und kreativ angesichts von Naturkatastrophen mit dem Zusammenhang und Ursache, Wirkung und Schuld umgegangen wird, dann ist es nicht auszuschliessen, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Schuldfrage ganz anders aufgedröselt wird. Erst kürzlich gab der EU-Haushaltskommissar Janusz Lewandowski bekannt, die Union habe schlicht kein Geld, um den Hochwassergebieten in Mitteleuropa schnell zu helfen. Wie schnell kann da der suchende Blick nach neuen Finanzierungslösungen dorthin fallen, wo ohnehin aus EU-ropäischer Sicht viel zu viel und noch dazu viel zu viel eigenes und unversteuertes Geld lagert?!

Dass die Schweiz nicht in der EU ist, dürfte für den phantasievollen Brüsseler Bürokraten kein Hindernis sein: Schliesslich hindert dies ja auch die Schweiz nicht daran, ihren eigenen flüssigen Beitrag zur zweiten Jahrtausendflut dieses Jahrhunderts zu leisten. Es ist nun einmal so, dass Wasser bergab fliesst, umso schneller, wenn Hänge abgeholzt, Flüsse begradigt und Gletscher erwärmt werden. Aus kontinental-solidarisch-etatistischer Sicht wäre es durchaus vorstellbar, den binneneuropäischen und zudem äusserst bergigen Anrainer- oder besser: AnRheiner-Staat als Mitverursacher der Flut zur Kasse zu bitten. Die Öko-Kavallerie steht bereits in den Startlöchern. Nur zu gerne würde sie den Eidgenossen zu verstehen geben, dass die EU sich ebenso wenig schützend um die Schweiz dreht wie die Erde mitsamt ihrem Klima um die Sonne.

 

Dieser Kommentar ist am 15. Juni 2012 auf der Website des Schweizer Monat erschienen.

Flutkatastrophe: Die Opfer werden zu Zeugen der Öko-Ideologen

Das Wasser der zweiten Jahrtausendflut dieses Jahrhunderts steht noch in den Häusern und jenseits der Deiche und Dämme, da werden die Flutopfer schon vor den Karren der Öko-Ideologie gespannt.

Sie kommt so sicher wie das Amen in der Kirche, die Moral von der Geschicht‘: „Der Mensch ist so unschuldig nicht!“ Und ebenso, wie jedes christliche Gebet mit der Akklamationsformel endet, wird fast automatisch, ganz gleich, welche Katastrophe wo und warum geschieht, die Frage nach der Schuld und der Lehre, die wir daraus ziehen sollen, gestellt. Und diese Frage ist weiß Gott keine ergebnisoffene: Man hilft zwar den Betroffenen, je näher sie uns sind desto mehr, aber maximal mit neun Fingern. Der erhobene Zeigefinger, der darauf hinweist, dass wir eigentlich selbst schuld sind an dem, was uns widerfährt, wird geschont.

Während die Menschen in den betroffenen Regionen die Ärmel hochkrempeln, bleiben die öffentlichen Reaktionen stereotyp: Politiker führen ihre Gummistiefel aus und versprechen vor Ort schnelle und unbürokratische Hilfe, um sich möglichst am eigenen Schopf aus dem Sumpf schwankender Umfragewerte herauszuziehen. Währenddessen überfluten „Experten“ die Talkshows und Sondersendungen, um uns zu erklären, dass wir das alles hätten kommen sehen müssen und uns daher eigentlich weder wundern noch beschweren dürften.

So bitter es angesichts der Zerstörungen und der damit verbundenen menschlichen Schicksalsschläge auch ist: Die mediale Aufbereitung der Hochwasserkatastrophe hat etwas Abstumpfendes. Abstumpfend, weil diejenigen, die Emotionen zeigen, sich zumeist nur über die angebliche Lernunfähig- oder -unwilligkeit der Menschen ereifern. Wer hier einfach nur mitfühlt, macht sich der Verdrängung der eigenen Mitschuld schuldig. Und was für Hochwasser richtig ist, gilt auch für andere Katastrophen: Sie werden „vermenschlicht“, denn, so die bestechende Logik, der kontrollwütige und nach Allmacht strebende Homo Sapiens habe seinen Einfluss über den Globus so weit ausgedehnt, dass von „Naturkatastrophen“ eigentlich nicht mehr die Rede sein könne. Das trifft für Fluten ebenso zu wie für Dürren, Erdrutsche, Lawinenabgänge, Wirbelstürme, Waldbrände und Epidemien.

Und sogar für Fälle, in denen es selbst für die perfidesten Menschheitsankläger schwierig wird, menschliches Versagen und Fehlverhalten als unmittelbar ursächlich anzuprangern, gibt es Ausweichargumentationen: Entweder ist es das menschliche Verhalten, das einen natürlichen Vorgang erst zur Katastrophe macht – wie beispielsweise das Siedeln in den Bergen, an Küsten und Flüssen, oder aber die weltweite Vernetzung von Mensch und Produktion, die zu einer Krisenglobalisierung führt. Oder aber es ist schlicht die in die Enge getriebene „Mutter Natur“ – die in unserer modernen Vorstellung das Erbe des strafenden Gottes angetreten hat –, die sich mittels Erdbeben oder Vulkanausbrüchen gegen die Arroganz der menschlichen Kultur zur Wehr setzt.

Die Vermenschlichung von Naturkatastrophen hat zur Folge, dass es keine wirklichen menschlichen „Opfer“ mehr gibt. Wir alle sind Teil der Täter-Spezies, manche vielleicht unbewusst und ungewollt, aber deswegen noch lange nicht unbeteiligt oder unschuldig. Daher ist es auch nicht mehr wirklich wichtig, die tatsächlichen Ereignisse und Ursachen von Katastrophen wirklich präzise darzustellen oder diese gar zu diskutieren, weiß man doch eigentlich, wo alles herrührt. Da kann es dann auch schon einmal passieren, dass man „schludrig“ formuliert. So „passierte“ es auch der Grünen-Politikerin Claudia Roth, die anlässlich des zweiten Jahrestages des Tsunamis vom 11. März 2011 in ihrem inzwischen legendären Facebook-Eintrag den 16.000 Toten der Atom-Katastrophe von Fukushima gedachte und kurzerhand außer Acht ließ, dass die Menschen eben nicht einem menschgemachten Unfall, sondern den Flutwellen zum Opfer fielen. Wäre man gehässig, könnte man dies als erfolgreiche Integration von Toten in die eigene Ideologie bezeichnen.

Eine weitere Konsequenz der Aufsummierung von Naturkatastrophen, Unfällen und gesellschaftlich-politischen Extremereignissen unter dem Überbegriff der menschlichen Katastrophe ist, dass sich im Denken der Eindruck festsetzt, die selbst verursachte Krise unseres Planeten verschärfe sich beinahe stündlich, ohne dass sich diese Entwicklung aufhalten ließe. Für Hoffnung ist kein Platz, denn im Gegensatz zur christlichen Religion verfügt die moderne misanthropische Untergangsreligion über keine Instanz, die dazu bereit ist, Sünden zu verzeihen. Hier wird wissenschaftlich, unbestechlich und bis auf die dritte Stelle hinter dem Komma abgerechnet. Und wer diese Rechnung oder gar ihre wissenschaftlichen Grundannahmen in Zweifel zieht, gilt bestenfalls als naiv, schlimmstenfalls als Ketzer.

Wenn die Abkehr von der ökologisch verpackten Kollektivschuldthese als Ketzerei gilt, bekenne ich mich schuldig im Sinne der Anklage. Und das mit Stolz. Wehrt Euch gegen die doppelte Flut! Macht mit – den Menschen zuliebe!

 

Dieser Artikel ist am 5.6.2013 auf der Website des Cicero erschienen.

„Mythos Maggie“ oder: Die Demenz der Linken.

Es war schon eine merkwürdige Zeitreise, auf die man mitgenommen wurde, wenn man in den Tagen nach dem Tod der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher die Medienberichterstattung auf der Insel verfolgte. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, als sei sie bis zu ihrem Dahinscheiden noch im Amt gewesen, als habe es die fast 23 Jahre nach dem Ende ihrer Regierungszeit gar nicht gegeben.

Mein Artikel anlässlich des Todes von Maggie Thatcher ist heute auf der Website des „Schweizer Monat“ erschienen.

 

„Menschen mit Eiern“

Mein Essay „Verteufelte Männlichkeit„, der heute in der Tageszeitung „Die Welt“ erschienen ist, schafft es bei Spiegel Online in der Rubrik „Heute in den Feuilletons“ in die Titelzeile, die da lautet: „Menschen mit Eiern“.

Im weiteren Text heißt es dann:
„Im Forum kritisiert der Publizist Matthias Heitmann die deutsche Quoten- und Sexismusdebatte. Er argwöhnt, dass sie nur ‚eine straffe Regulierung und Sanktionierung von oben‘ in Form von Quoten (für die Frauen) und Bestrafungen (für die Männer) in Gang setzen soll: ‚So lässt es sich gut regieren, gut leben nicht. Mehr denn je braucht unsere Gesellschaft Menschen mit Eiern, die sich nicht gleich zu Opfern stilisieren, sondern bestehende Grenzen und Dogmen infrage stellen und sich für Neues und Besseres einsetzen. Die Werte der ‚Weiblichkeit‘ sind daher zeitgeschichtlich betrachtet Werte der fragilen Stagnation.'“

PID-Debatte: Respekt vor dem Gewissen oder Abschied von der organisierten Willensbildung?

Die Reaktionen auf den Stil der Bundestagsdebatte zur Präimplantationsdiagnostik (PID) waren eindeutig: Den Abgeordneten wurde Respekt gezollt angesichts einer freien, zwar emotionalen, aber auch ernsthaften und unpolemischen Auseinandersetzung über die ethisch-moralische Vertretbarkeit der PID-Zulassung. Die Aufhebung des Fraktionszwangs in der Abstimmung und die Aufforderung, jeder Abgeordnete möge seine Entscheidung mit seinem Gewissen aushandeln, wurde als respektvoller Umgang mit dem heiklen Thema wertgeschätzt. Zu Recht?

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Mein Problem mit Frauenfußball

Seit Kindesbeinen bin ich leidenschaftlicher Fußballfan, und ich spiele auch heute noch aktiv in einer Freizeitmannschaft. Schon immer habe ich gerne mit oder gegen Fußballerinnen gespielt. Seit der Schulzeit weiß ich, dass Mädchen und Frauen durchaus gut Fußballspielen können und dies mit großer Inbrunst tun. Woher also, frage ich mich, rühren eigentlich meine Vorbehalte gegen die Frauen-WM 2011 und den Frauenfußball?

An der Qualität des Frauenfußballs kann meine Abneigung nicht wirklich liegen – wäre dem so, dürfte ich selbst nie wieder einen Bolzplatz betreten. Zudem muss man objektiv anerkennen, dass die Lernkurve im Frauenfußball sehr steil ist und das Spiel in den letzten Jahren sehr viel besser, schneller, technisch reifer und athletischer geworden ist. Das WM-Eröffnungsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Kanada empfand ich als durchaus unterhaltsam – sieht man von der Chancenverwertung ab. Aber als gebürtiger Frankfurter und Eintracht-Fan weiß ich nur zu gut, dass sowohl schlechter Fußball als auch das Verballern von Großchancen kein Frauenmonopol ist.

Was den Frauenfußball tatsächlich auszeichnet, ist nicht die Spielgeschwindigkeit oder die technische Qualität, sondern das vergleichsweise körperlose Spiel. Frauenfußball gilt daher vielen als ästhetischer und fairer, und manch einer zieht ihn daher dem Männerfußball vor. Ich bezweifle jedoch, dass man mit diesem „Kompliment“ den Fußball spielenden Frauen Recht geschehen lässt: Die meisten würden sich dagegen verwehren, nur „Mädchenfußball“ zu spielen oder ihren Sport mit weniger Einsatz und Kampf zu betreiben.

Dennoch fällt auf, dass Verwarnungen, gelbe Karten oder gar die im Männerfußball beliebte „Rudelbildung“ im Frauenfußball deutlich seltener zu sehen sind – ein Umstand, der dem Frauenfußball den Ruf eingebracht hat, fairer und weniger verbissen zu sein. Auf der Website des Sportmagazins Kicker werden interessanterweise gelbe Karten in der Frauen-Bundesliga statistisch überhaupt nicht festgehalten. Es ist allerdings anzunehmen, dass sich dies angesichts der fortschreitenden Professionalisierung des Frauenfußballs verändern wird. Mit einem Blick auf prominente Frauen in unterschiedlichsten Positionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft verweigere ich jedenfalls der Annahme, dass Frauen grundsätzlich fairer und gerechter sind, die Gefolgschaft.

Kurz gesagt: Meine Antipathie gegen die Frauen-WM hat eher wenig mit Frauenfußball an sich und noch weniger mit Fußball spielenden Frauen zu tun. Wahrscheinlich ist es der weit verbreitete Ruf des Frauenfußballs, fairer, weniger körperbetont und fanatisch zu sein, den freudig zu beklatschen ich mich weigere. Nicht, dass ich ein Freund des unschönen Gemetzels auf dem grünen Rasen wäre. Aber die Vorstellung, dass Männerfußball künftig ähnlich friedlich sein soll, wie es dem Frauenfußball heute (wahrscheinlich fälschlicherweise) attestiert wird, treibt mir die Zornesröte ins Gesicht. Für mich gehören neben dem Teamgedanken eben auch Kampf, Risikobereitschaft, Leidenschaft, Leidensbereitschaft und das Bis-an-die-Grenzen-Gehen zu den Attributen und Werten, die Fußball für mich attraktiv machen – sowohl als Sport als auch als Sinnbild menschlicher Grundeinstellungen.

Zahlreiche dieser Werte werden im Allgemeinen als „typisch männlich“ und negativ bezeichnet – und sind heute auf dem Rückzug: Risikobereitschaft gilt als verantwortungslos, große Leidenschaft als Vorstufe zum blinden Fanatismus, und das Grenzen-Testen als sinn- und zweckloses Aufbegehren gegen vernünftige Selbstbeschränkungen und rationale Sachzwänge. Im Gegensatz zu diesen Werten werden Attribute wie Balance halten, gezügelte Emotionalität, Sensibilität und Rücksichtnahme, Sicherheitsstreben und die Bereitschaft zurückzustecken, als modern, positiv und „weiblich“ eingestuft. Sie passen in eine Gesellschaft, in der Risikovermeidung und Zurückhaltung als nachhaltige Werte der Zukunft gepriesen und nahezu alle Formen des vorbehaltlosen und robusten Eintretens für konkrete Überzeugungen und Ziele als veraltetes Interessendenken kritisiert werden. Innerhalb dieses Zeitgeistes, der durch zweifelndes Suchen nach Kompromissen und Notlösungen geprägt ist, erscheint mutiges und ambitioniertes Erkämpfen von Zielen als nicht zeitgemäß, ja sogar als potenziell gefährlich, weil unruhestiftend.

Es ist diese angestrebte Verhinderung von Unruhe und Instabilität, aber auch von Leidenschaft und unbedingtem (Sieges-)Willen, die weite Teile unserer modernen Kultur prägt. Das, was es zu verhindern gilt, wird sehr häufig mit „männlichen“ Attributen in Verbindung gebracht, während die genannten, klassisch „weiblichen“ Stereotype große Popularität genießen. Und obwohl es sich hier eigentlich um geschlechterübergreifende Wertvorstellungen und Ansichten handelt – als ob es keine Draufgängerinnen oder männliche Warmduscher gäbe –, werden sie Männern und Frauen zugewiesen, oder besser: übergestülpt.

Es ist also nicht der Umstand, dass Frauen Fußball spielen, der mir Bauchschmerzen bereitet, sondern die Tatsache, dass die mit Frauen und dem Frauenfußball verbundenen Werte in die Offensive gehen und Gefahr laufen, den Fußball sowohl als Sport als auch als kulturelles Massenphänomen zu „entmannen“. Anzeichen für diesen Trend gibt es zuhauf: Auf dem Platz zeugen die Regelveränderungen der letzten Jahrzehnte von dem gezielten Versuch, Emotionalität zu zügeln und Aggressivität zu bändigen mit dem Ziel, das Spiel „familienfreundlicher“, sprich: friedlicher und weniger draufgängerisch zu machen. Neben dem Platz springt die Tendenz, Fußballfans mithilfe drakonischer Strafmaßnahmen zu politisch korrektem Verhalten zu erziehen und auch hier Emotionalität systematisch zu verhindern, ins Auge. Immer häufiger wird das offensichtliche Fehlverhalten einzelner Fans oder kleiner Gruppen genutzt, um den (Männer-)Fußball in seiner Gesamtheit als „Bühne gewaltbereiter Proleten“ zu diffamieren.

Nicht umsonst unterstreicht der DFB, dass die von ihm ausgerichtete Frauen-WM „anders“ sein solle, nämlich: „ein Familienfest“. Damit wird nicht nur fälschlicherweise suggeriert, dass die Weltmeisterschaften von 2006 und 2010 nicht „familientauglich“ gewesen seien, sondern auch, dass es vor allen Dingen die erhöhte Präsenz von Frauen und Kindern in Fußballstadien und Fanmeilen sei, die ein solches Klima „gegen die traditionell männliche Fankultur“ durchsetzen könne. Dass dieses vermeintlich „familienfreundliche“ Klima mit einem enormen Aufgebot an Überwachungs- und Sicherheitstechnologien und -personal „sichergestellt“ wird, erklärt sich von selbst.

Von der traditionellen Gewissheit, dass das Fußballstadion der einzige Ort sei, an dem Erwachsene nicht nur hemmungslos weinen, sondern auch das Wort „Wichser“ schreien können, so oft und so laut sie wollen, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erregen, wie es Nick Hornby in seinem Roman „Ballfieber“ liebevoll schildert, entfernen wir uns immer mehr. Der „familienfreundliche Fußball“, dessen Reinform offensichtlich der Frauenfußball darstellen soll, läutet nicht nur den Rückzug des kämpferischen Fußballsports zugunsten eines sauberen, aber auch emotionslosen Abziehbildes ein. Er bereitet gleichzeitig den Niedergang des kulturellen Phänomens Fußball als einem der letzten Refugien von Freiheit und emotionaler Ausgelassenheit in einer ansonsten immer stärker geregelten und kontrollierten Gesellschaft vor.

Das Tragische an dieser Entwicklung ist, dass auch die Fußball liebenden und spielenden Frauen, die sich gerade anlässlich der Frauen-Fußball-WM auf dem Weg zur völligen Gleichberechtigung wähnen, unter den Folgen dieser zunehmenden politische korrekten Säuberung der Fußballkultur leiden werden. Während es im Männerfußball (noch) traditionelle und gewachsene kulturelle Segmentierungen sowie inoffizielle Strukturen und Prägungen gibt, die der Entwicklung hin zu einem keimfreien und geruchsneutralen Fußball zuwiderlaufen, existieren diese in der noch jungen Massensportart Frauenfußball nur in Ansätzen. Dieser Umstand macht den Frauenfußball zu einem jungfräulichen Spiel- und Experimentierfeld für moderne Überwachungs-, Kontroll-, Erziehungs- und Anti-Emotions-Ideologien, unter denen am Ende alle zu leiden haben werden: Frauen wie Männer, Mädchen wie Jungs.

 

Dieser Artikel erschien am 29.6.2011 auf der Website von Novo Argumente. Ebenfalls mit diesem Thema beschäftigten sich mein Beitrag „The trouble with the Women’s World Cup“ vom 30.6.2011 auf Spiked Online sowie „Männerdeckung“ auf der Website von „The European“ vom 8.7.2011.

Matthias Heitmann