Der Angstvirus

Pandemie, Gefahr, Virus, Verbreitung

09.02.2020 – Der internationale Gesundheitsnotstand, ausgerufen von der WHO, löst allgemeine Sorge aus. Es ist an der Zeit, eine Lanze zu brechen für die mutige Globalisierung – als Impfstoff gegen einen Virus namens globale Angstkultur.

In Deutschland grassiert ein Virus. Nein, von „Grassieren“ kann beim Coronavirus 2019-nCoV hierzulande nicht die Rede sein. Bis zum 5. Februar hatten sich insgesamt 13 Deutsche mit dem Virus infiziert. Einen Todesfall hat es zum Glück noch nicht gegeben. Mit Sicherheit wird die Zahl der Infizierten auch hierzulande ansteigen. Und die Zahl der Opfer, die der Virus vor allen Dingen auf dem chinesischen Festland fordert, ist schon jetzt schrecklich.

Der Virus, der in Deutschland grassiert, ist gefühlter Natur. Er besteht aus Angst, gepaart mit Unwissenheit und einem über Jahre antrainierten Präventionsimpuls, und er lässt die Menschen in die Apotheken strömen, um dort Gesichtsmasken zu erwerben.

Krisenverliebtheit macht gleichgültig 

Sollen die Menschen doch ihr Geld dafür ausgeben, könnte man meinen. Es gibt Schlimmeres. Doch die Angst verbreitet sich: In fast schon unbewussten Übersprungshandlungen wechseln Menschen die Straßenseite oder den S-Bahnwagen, wenn ihnen asiatisch aussehende Menschen entgegenkommen. Eigene Beobachtungen lassen vermuten, dass dies öfter geschieht, wenn diese Menschen selbst Mundschutz tragen. So funktioniert die irrationale Angstkultur: Präventiver Infektionsschutz wird gedeutet als Beleg für eine real existierende Gefahr, die noch mehr Prävention erfordert usw. – ein moralisches Perpetuum mobile.

Schon verbreiten sich Theorien über aus geheimen Laboren entfleuchte Viren, es werden Phantom-Erinnerungen an europäische Grippe-Epidemien von vor über 100 Jahren geweckt, die sich fast geräuschlos in die heutige Untergangsstimmung einreihen, die bis vor Kurzem noch durch den ausbleibenden Winter, die Buschbrände in Australien und sonstige Katastrophen angeheizt wurde. Auf dem Blog des World Wide Fund for Nature (WWF) wird darauf hingewiesen, dass durch die Veränderung der Umwelt durch den Menschen „auch Krankheitserreger ins Ungleichgewicht [geraten]: Menschliche Aktivitäten führen zu neuen Dynamiken von Infektionskrankheiten und neuen Ausbreitungsmustern.“

Zu gut passen derlei „Erkenntnisse“ in unser Angstnarrativ, als dass sich hier noch der gesunde Menschenverstand einschalten und womöglich rebellieren würde. Die Antwort ist in jedem Fall „Ja, der verdammte Mensch!“ – ganz gleich, wie die Frage lautet. Die eigentlich urwüchsige menschliche Empathie mit Kranken und der daraus entstehende Impuls zu helfen schafft es immer seltener, den Fluchtreflex zu überdecken.

Wissenschaftsdiktatur ist nicht fortschrittlich

Woher stammt dieser Narrativ? Im Gegensatz zur Frage nach der Herkunft des Coronavirus könnte die Antwort auf diese Frage tatsächlich lauten „Aus dem Labor!“ Denn seit vielen Jahren üben sich Vertreter der Wissenschaften darin, nicht nur neueste Erkenntnisse oder Vermutungen in der Öffentlichkeit zu verbreiten, sondern sich zugleich auch als praktische und autoritative Ratgeber für Politik, Gesellschaft und Individuum zu präsentieren. Und Aufmerksamkeit ist ihnen sicher: Gerade in Zeiten, in denen Menschen wenig Vertrauen in Politik, in große Ideale, in Systeme und ihre Mitmenschen haben, erfährt der Wissenschaftler einen enormen Reputationszuwachs.

„Die Wissenschaft hat festgestellt…“ ist nicht nur der Standardeinstieg in nahezu jede politische Entscheidungsbegründung, sondern schrittweise auch zum Ersatz für eine solche Begründung und zum rational anmutenden Stoppschild für kontroverse Diskussionen geworden. Der Machtzuwachs der Wissenschaften als Folge der Implosion politischer Ideen und Visionen hat nicht zu einer stärker wissenschaftlich orientierten Realpolitik geführt, wie man es hätte vermuten können.

Im Ringen um Aufmerksamkeit und Machtmittel hat stattdessen eine Politisierung der öffentlich beachteten und populären Wissenschaften stattgefunden. Dramatisierung, Leugnung, einseitige Fakteninterpretationen, ja sogar Zensur, üble Nachrede und das klassische Totschweigen haben Hochkonjunktur. Die „Politisierung der Wissenschaft“ lässt sich besonders drastisch überall dort erkennen, wo Dissens – ohne den Wissenschaft nicht existieren kann – über den Umweg der „Mehrheitsmeinung führender Wissenschaftler“ quasi weggewischt wird.

Der Wissenschaftler als Mahnwesen

Zusätzliche Autorität erhält die Wissenschaft über die allzu große öffentliche Bereitschaft davon auszugehen, dass Bakteriologen oder Meteorologen auch dafür geeignet sind, die für komplexe menschlichen Gesellschaften am besten geeigneten Handlungsanweisungen zu formulieren. Wir sind mittlerweile daran gewöhnt, dass Wissenschaftler als öffentliche Mahner und Warner auftreten und der Politik in Sachen Meinungsstärke und Glaubwürdigkeit den Rang abgelaufen haben. Das Problem daran ist: Naturwissenschaftler haben weder Gesellschaftsgestaltung studiert, noch haben sie sich Menschen gegenüber demokratisch zu verantworten.

Das inhaltliche Vakuum der etablierten Politik sorgt dafür, dass Wissenschaftler in diesen besonders beachteten Disziplinen in den Gesellschaftsbetrieb hineingesogen werden, in dem sie eigentlich nichts zu suchen haben. Je stärker heute ein Wissenschaftler sich als lautstarker Mahner und Warner an die Menschen wendet, desto glaubwürdiger erscheint er. Dieser Aufmerksamkeitsbonus für wissenschaftlich verbrämten Alarmismus spiegelt sich auf der Weltbühne in Organisationen wider, die jenseits demokratisch legitimierter Regierungen mit scheinbar wissenschaftlicher Legitimation rein politisch operieren.

Kaum jemand würde Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) demokratieferne Ziele und Praktiken unterstellen – dabei sind genau das die Markenzeichen ihres Handelns. Der öffentliche Fokus auf Bedrohungen und Gefahren hat in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Inflation der Risiken geführt. Dass die Welt in Wirklichkeit in den letzten Jahrzehnten für immer mehr Menschen immer sauberer, gesünderer und sicherer geworden ist, spielt im Risiko- und Angstnarrativ kaum eine Rolle. Umgangen wird dieser Widerspruch durch das Betonen der Präventionspolitik, die das Ausbleiben der Katastrophe als Bestätigung ihrer eigenen autoritären Erziehungspolitik umdeutet.

Schutzlos aus Angst

Und genau hier entsteht nun angesichts des Coronavirus ein Problem. Erstarrt vor Angst und Unwissenheit blickt die weltweite Öffentlichkeit auf die Ereignisse in China wie ein Kaninchen auf die Schlange. Es ist offensichtlich, dass es schwerfällt, nach Jahren der permanenten Krisenbeschwörung nun tatsächlich schnell den Hebel umzulegen und aus der Passivität erzeugenden moralisierenden Belehrungsautomatik herauszukommen.

Gerade in Situationen, in denen der Fokus auf schnelle globale wissenschaftliche Kooperation gelegt werden müsste, zeigt sich die Gefahr dieser Paranoia am deutlichsten. Während in China innerhalb weniger Tage ein Krankenhaus mit 1000 Betten sprichwörtlich aus dem Boden gestampft wurde, ringt die westliche Welt immer noch mit den eigenen Panikattacken und der Unfähigkeit, schnelle effiziente Maßnahmen zu ergreifen oder aber die Bevölkerung wenigstens mit sinnvollen Informationen zu versorgen.

Und nicht nur das: Anstatt die Kraftanstrengungen der Chinesen als notwendig und vorbildlich zu beschreiben, hebt man den moralischen Zeigefinger und erklärt die Handlungsfähigkeit chinesischer Baubehörden mit ihrer diktatorischen Machtfülle. Anstatt also selbst Effizienzsteigerungen und eine schnelle Reaktionsfähigkeit anzustreben, gelten eben diese Fähigkeiten zunehmend als inkompatibel mit offenen Gesellschaften. Hier zeigt sich einmal mehr, wie tief das Selbstbewusstsein des Westens mittlerweile erschüttert ist.

Wir brauchen eine echte Globalisierung!

30 Jahre nach dem Sieg im Kalten Krieg der Systeme scheint die westliche Welt sich selbst als dirigistischen und undemokratischen Systemen unterlegen einzustufen. Wurde einstmals der Triumph über den starren und planwirtschaftlich gelähmten Sozialismus eben gerade mit dem Verweis auf die eigene Offenheit, Demokratie, Flexibilität und Zukunftsoffenheit erklärt, so hat sich offensichtlich das westliche Selbstverständnis pulverisiert. Sogar das Anstreben von Effizienz, wie sie China offensichtlich anstrebt, kann inzwischen als totalitär und demokratiegefährdend wahrgenommen werden.

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der politische und ökonomische Effizienz als totalitär gelten; deren eigene Wirtschaft für weniger Wachstum plädiert, deren Wissenschaftselite in die Rolle des staatlich sanktionierten Warners halb strömt, halb sich drängen lässt. Hier hätte ein gefährlicher Virus tatsächlich leichtes Spiel. Zum Glück hat das Coronavirus dazu nicht das Zeug. Das Problem ist nicht das Virus, sondern die wachsende Unfähigkeit, globale Herausforderungen überhaupt und gemeinsam anzugehen. Diese Unfähigkeit müssen wir überwinden – am besten, bevor wir einer wirklich globalen Herausforderung gegenüberstehen.

Dieser Artikel ist am 9. Februar 2020 in der Kolumne „Schöne Aussicht“ auf Cicero Online erschienen.