Wird Tibet Fußball-Europameister?

Während die olympische Flagge auf ihrem globalen Spießrutenlauf wie ein Castor-Transport vor dem Zugriff von Demonstranten geschützt werden muss, rückt – fast schon unbemerkt von der Öffentlichkeit – ein weiteres sportliches Großereignis näher: die Fußball-Europameisterschaft in Österreich und in der Schweiz.

 

Fußballliebhaber sollten den olympischen Fackelträgern eigentlich dankbar dafür sein, dass sie die mediale Aufmerksamkeit so vollständig auf sich ziehen. Nachdem das letzte globale Fußballfest uns bereits Wochen und Monate vor dem ersten Anpfiff den letzten Nerv geraubt und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel – wenngleich wenig glaubhaft – dazu veranlasst hatte, ihre Fernsehansprache an die Nation in Fußballsprache zu verfassen, herrscht in diesen Tagen eine fast schon unheimliche Windstille im Blätterwald. Das Schöne daran ist: Es geht in der Vor-Berichterstattung zur „Euro 2008“, so sie denn überhaupt existiert, tatsächlich fast ausnahmslos um Fußball – noch!

Zur Erinnerung: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurde in Deutschland zu einem Ereignis stilisiert, über das wir „zu uns selbst finden“, uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen und neu erfinden sollten. Kampagnen wie „Land der Ideen“, „Du bist Deutschland!“ sowie zahlreiche weitere staatliche Initiativen – fast jedes Ministerium hatte seine eigene WM-Kampagne – sollten der Gesellschaft Zuversicht, Sinn, Orientierung und Optimismus zurückgeben, die sie im Alltag und aus der ihr prognostizierten Zukunft nicht zu ziehen imstande sei. Man fühlte sich zuweilen wie in einem gottverlassenen mittelalterlichen Dorf, das sich wochenlang herausputzt und eine grundlegende Verbesserung seiner Situation erhofft, nur weil „König Fußball“ für vier Wochen Hof hielt.

Dass sich derartiges nun bei der Euro 2008 in Österreich und in der Schweiz wiederholen würde, steht nicht zu erwarten. Sollten jedoch in den nächsten Wochen weitere Inzestfälle in Österreich bekannt werden, erscheinen angesichts der Popularität von öffentlichen Protestkundgebungen und Boykotts auch Demonstrationen von Kinderschutzverbänden gegen die laxen Ermittlungsbehörden der Alpenrepublik als durchaus vorstellbar. Die Europameisterschaft findet in zwei Ländern statt, deren Herzen nicht ansatzweise so stark am Fußball hängen wie das deutsche. Die Österreicher zittern vor der erwarteten Blamage, aber auch die Eidgenossen, denen man mehr zutraut, glauben nicht wirklich daran, weiter als bis ins Viertelfinale des Turniers zu kommen. Angesichts dieser gedämpften Erwartungen überrascht es nicht, dass in den Alpenstaaten kaum jemand mit einem Sommermärchen rechnet. Auch die deutsche Euphorie hält sich wenige Wochen vor Beginn des Turniers in Grenzen.

Das mediale Interesse, insbesondere der Teile der Medienwelt, die mit Sport an und für sich nur wenig am Hut haben, konzentriert sich in diesem Sommer auf andere Sportereignisse. Im Juli werden wir uns anlässlich der Tour de France erneut mit der allgemeinen öffentlichen Aufregung über die „moralische Abgründe“ des Radsports auseinander zu setzen haben. Und pünktlich zu den im August stattfindenden Olympischen Spielen in Peking hat die westliche Öffentlichkeit ihre „Liebe zu Tibet“ wieder entdeckt und bringt sich unter Verwendung allerlei moderner Spielarten der alten Warnungen vor der „gelben Gefahr“ gekonnt in Stellung. Dass sportliche Großereignisse wie die olympischen Spiele als Bühnen für politische Kampagnen herhalten müssen, ist nichts Neues. Neu hingegen ist, dass mittlerweile die Athleten selbst von der Politik ermuntert werden, sich als Protestler zu betätigen und in Peking Protest-T-Shirts zu tragen.

In Zeiten, in denen bekennende Maoisten wie der Fußballer Paul Breitner für Deutschland Titel einheimsten, hätte man derlei wohl kaum erlaubt. Noch im letzten Jahr sah sich der Fußball-Weltverband Fifa genötigt, Profifußballern das Zurschaustellen „politischer, religiöser sowie persönlicher Schriftzüge“ zu verbieten, um Diskriminierungen zu unterbinden. Ob es in Österreich und in der Schweiz Ausnahmen von dieser Regel geben wird und der EM-Titel am Ende gar den Tibetern gewidmet wird? Die Zweckentfremdung des Sports ist mittlerweile soweit gediehen, dass auch dies vorstellbar erscheint. Aber über eines können wir uns sicher sein: Sowohl in Basel als auch in Wien oder in Peking werden nur ganz bestimmte Slogans auf den Trikots erlaubt werden. Und mit Sicherheit werden die „persönlichen“ Message-Shirts zuvor in Mannschaftsstärke verteilt. Shirts, die die politische wie geistliche – mithin totale – Führerschaft des Dalai Lama über die Tibeter als mittelalterlich-archaisch, antiaufklärerisch und undemokratisch problematisieren, werden ganz bestimmt nicht über unsere Bildschirme flimmern.

Angesichts des auf uns wartenden „Sport-Politik-Sommers“ ist die beschauliche Ruhe rund um die Fußball-Europameisterschaft fast schon erfrischend. Genießen wir sie, solange es geht!

Grand Prix: Ein „bisschen“ Frieden geht halt nicht!

Vor 25 Jahren war die Welt noch in Ordnung. Nicole gewann den Grand Prix Eurovision de la Chanson. „Ein bisschen Frieden“ hieß das Liedchen, mit dem ein kleines bis dato weithin unbekanntes Mädchen die Herzen des europäischen Grand-Prix-Publikums eroberte. Damals war so etwas noch möglich: Der Ostblock war intakt und – bis auf Jugoslawien – außen vor, die westliche Schlagerwelt war unter sich, und Nestbeschmutzer wie Stefan Raab oder Guildo Horn, die Ralph Siegel und Konsorten ans Leder wollten, erfreuten sich noch keiner Sendezeiten und hätten auch nicht gewählt werden können, da damals noch nicht per Telefon abgestimmt, sondern die Entscheidung von einer Jury getroffen wurde.

„Ein bisschen Frieden“ – ob Nicole damals bewusst war, wie wichtig das Wörtchen „bisschen“ in diesem Text werden würde? Wahrscheinlich nicht. Wie hätte sie auch ahnen können, dass im Jahre 2007 nicht nur ganz Osteuropa, sondern auch halb Asien sich aufmachen würde, dem Westen die Deutungshoheit dessen, was „guter Geschmack“ ist, so eindrucksvoll zu entreißen und acht der ersten zehn Plätze zu belegen?! Wie hätte sie zudem davon ausgehen können, dass auch innerhalb des Westens die Vorstellung davon, welche Musik es wert sei, die eigene Nation zu repräsentieren, parallel zum Nationalgefühl an jeglicher inhaltlichen Bodenhaftung verlieren würde? Das hat die 17-jährige Nicole nicht gewusst – und bestimmt auch nicht gewollt! Das einzige, was sie wollte, war „ein bisschen“ Frieden, nicht offenen Grenzen, und auch keine (vom Westen vorangetriebene) osteuropäische Kleinstaaterei, die den großen Schlagernationen kurzerhand das Heft aus der Hand nimmt. Ihr Lied schwamm auf der Welle des Unbehagens angesichts des Nato-Doppelbeschlusses, der Friedensbewegung und des Falklandkrieges. Eine slawische Schlager-Schwemme sollte daraus nicht werden. Der Ralph-Siegel-Song war nicht als Aufforderung gedacht, die altgedienten Barrieren der heilen Welt einzureißen, weder im Inneren, noch nach außen, im Gegenteil: Es war nur ein Traum eines kleinen naiven Mädchens.

Entsprechend wütend gibt sich Nicole heute darüber, dass man sie so falsch beim Wort genommen hat. Nicht nur, dass die Osteuropäer heute allein schon hinsichtlich der Anzahl der teilnehmenden Staaten den Eurovision Song Contest dominieren – sie setzen auch Guildo Horns Zeile aus seinem Grand-Prix-Song von 1998 in die Tat um und haben sich alle so dolle lieb, dass sie sich gegenseitig die Stimmen zuschustern. Das ist in jedem Falle eine herbe Kritik wert, dachte sich Nicole und beschwerte sich über das Stimmverhalten der Osteuropäer, die unter sich blieben und das paneuropäische Treiben somit gegen alle Regeln des guten Geschmacks unterwandern. Das Grand-Prix-Nachschlagewerk von Jan Feddersen trägt den für viele heute fast schon unheilvoll klingenden Titel „Ein Lied kann eine Brücke sein“. Trägt auch er Mitschuld an der modernen Entwicklung, dass nach der Fußball-Europameisterschaft, die 2012 in Polen und der Ukraine stattfindet, nun auch der gute Geschmack von postkommunistischen und mit einem Übermaß an nachbarschaftlicher Brüderlichkeit ausgestatteten Gesellschaften geprägt wird. Nein, denn ebenso wie Nicole nur von ein „bisschen“ Frieden sang, ging Feddersen davon aus, dass es mit einer Brücke (über den ansonsten aber seine Funktion erfüllenden eisernen Vorhang) getan wäre.

Wer sind dann aber die Schuldigen für das westliche Schlagerdilemma? Die Ursachen liegen jedenfalls deutlich tiefer, als dass sie mit einem kulturellen „Kalten Krieg im Wohnzimmer“ auszumerzen wären. Auch der Vorschlag, künftig beim Grand Prix zwei Qualifikationsstaffeln einzuführen und damit die gute alte europäische Trennung in Ost und West wieder einzuführen, wie es Ralph Siegel fordert, wird das „Problem“ nicht aus der Welt schaffen. Zwar hätte auch dies nicht den Sieg der (ausgerechnet!) serbischen Sängerin Marija Serifovic verhindert, denn wie der Tagesspiegel nachrechnete, hätte Serbien auch ohne Osteuropa den Contest gewonnen. Zudem müsste sich gerade Siegel nur zu gut daran erinnern können, dass es keiner Osteuropäer bedarf, um ihn lächerlich zu machen. Es sei denn, man nähme die Aufteilung in Ost und West nicht nur in geografischer, sondern in geschmacklicher Hinsicht vor und lagerte die Vertreter der deutschen Spaßgesellschaft und des Sittenverfalls wie Stefan Raab (Alf Igel), Guildo Horn, oder aber israelische Transsexuelle und finnische Gruselrocker wie Lordi kurzerhand in die Oststaffel aus.

Wenn der diesjährige deutsche Vertreter Roger Cicero seinen Nachfolgern den Tipp gibt, künftig „serbisch zu singen“, so mag dies der Kommentar eines frustrierten Künstlers und zudem schlechten Verlierers gewesen sein. Aber er ist auch symptomatisch: Im Westen weiß man weder, wie noch was und in welcher Sprache man sich künftig äußern sollte, um gehört zu werden. Zieht man eine zugegebenermaßen gewagte Parallele zur Politik auf europäischer Ebene, so lässt sich ein ähnliches Phänomen beobachten. Auch hier herrscht Sprachlosigkeit in einer uneinigen Gemeinschaft, die weder weiß, wofür sie steht, noch, wer eigentlich zu ihr gehört und wo ihre Grenzen liegen. Und auch hier hat man den Eindruck, dass es gerade die Osteuropäer sind, die sich dem Europagedanken verpflichtet fühlen, während er im Westen nur noch rudimentär vorhanden ist und eher ein Synonym für eine „neue Gefahr aus dem Osten“ darstellt – unabhängig davon, ob diese nun in Form von Billigarbeitern oder Schlagersängern daherkommt. Insofern ist es eigentlich nur konsequent, dass der Grand Prix eine osteuropäische Angelegenheit geworden ist. Der Westen – zero points!

Ein schlechter Wolfo-Witz

Nun ist es also raus. Paul Wolfowitz, seiner Zeit neokonservativer Theoretiker des Irakkrieges, der sich seit 2005 in ebenso fortschrittlicher Manier als Präsident der Weltbank um das Wohl der Armen und Schwachen dieser Welt kümmerte, muss seinen Hut nehmen, weil er sich um eine Arme und Schwache kümmerte.

 

Naja, ganz so war es nicht. Seiner Lebensgefährtin Shaha Riza, zuvor ebenfalls bei der Weltbank angestellt, verhalf er als frisch gebackener Weltbankpräsident zu einem gut dotierten neuen Job in der US-Regierung. Zu einem ziemlich gut dotierten: Sie soll mehr verdient haben als US-Außenministerin Condoleeza Rice. Chapeau!

Einen solchen Deal überhaupt einfädeln zu wollen, erfordert Mut. Dass ihm das tatsächlich auch gelang, ist aber weder ihm noch seiner Freundin zuzuschreiben. Angenommen, Angela Merkels Redenschreiber würde mehr verdienen als Merkel selbst, wäre ihm das nicht vorzuwerfen. Eher sollte man Frau Merkel in diesem Falle die Frage stellen, ob sie ihren Laden im Griff hat. Anstatt zu fragen „Was erlauben Paule und Riza?“ sollte eher gefragt werden „Was erlauben Rice?“

Der Haken an der Geschichte: Paul Wolfowitz hatte sich bei der Übernahme des höchsten Postens bei der Weltbank der Aufgabe verschrieben, den Kampf gegen Korruption zu forcieren. Im Rahmen dieser Mission hatte er sich nicht gescheut, Staaten als Bestrafung für deren Korruptheit Weltbankkredite zu sperren. Da kommen natürlich derlei Ablösegeschäfte mit Geliebten nicht besonders gut an.

Es besteht kein Anlass, dem früheren Pentagon-Falken auch nur eine Träne nachzuweinen. Ein Grund zum Frohlocken, wie es seine politischen Gegner nun tun, besteht jedoch ebenfalls nicht. Denn wenn die Affäre um Wolfowitz eines zeigt, dann, dass es mehr und mehr außer Mode kommt, politische Gegner mit politischen Mitteln zu demontieren bzw. demontieren zu wollen. Viel lieber macht man sich daran, so lange Dreck aufzuwühlen, bis irgend etwas hängen bleibt. Anders formuliert: Welche Politik jemand betreibt, ist offensichtlich unwichtig – Hauptsache, man bleibt sauber!

Das hat sich wohl auch der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler gedacht, als er letzte Woche der Anti-Globalisierungs-Organisation Attac beitrat. So bringt sich ein Politrentner ins Gespräch. Da er aber sowohl die Linkspartei als auch Greenpeace offensichtlich für nicht geeignet hielt, suchte er sich eben ein Sammelbecken aus, das jedem Aquariumbesitzer aufgrund der kannibalischen Bestückung den Angstschweiß auf die Stirn treiben würde. Aber solange Heiner sich während des G8-Gipfels nicht beim Einreißen von Sicherheitszäunen erwischen lässt und „sauber“ bleibt, geht das in Ordnung. (Wenngleich sich natürlich die Attac-Fürsten spätestens jetzt ernsthafte Gedanken darüber machen sollten, ob nicht langsam der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die inhaltliche „Vielfalt“ in vielfältige Einfalt umgeschlagen ist.)

Politische Inhalte verlieren in einem solchen Klima immer mehr an Bedeutung. Dies ist die Kehrseite der allgemeinen Anti-Korruptionspolitik: Sie reduziert politische Debatten auf die Suche nach persönlichem Fehlverhalten. Zudem fährt sie kritischen Journalismus auf ein antipolitisches Paparazziniveau herunter und fördert somit die Zunahme der Politikverdrossenheit.

Es hätte hinreichend gute politische Gründe dafür gegeben, Wolfowitz von den Schalthebeln der Macht fernzuhalten. Dass er jemandem zu einer glorreichen Karriere verholfen haben soll, ist hingegen der schlechteste von allen.

Aprilscherz und Sommerloch vor der Ausrottung!

Es wird immer schwieriger, jemanden mithilfe einer verfälschten oder erfundenen politischen Nachricht ordentlich in den April zu schicken.

Dass dies so ist, hat zwei eng miteinander in Verbindung stehende Gründe: Zum einen kann man erfundene Nachrichten kaum mehr von realen unterscheiden. Dass eine deutsche Familienrichterin Suren des Korans als Grundlage für ein eine deutsche Staatsbürgerin marokkanischer Herkunft betreffendes Familienrechtsurteil heranzieht, wäre früher evtl. als Aprilscherz durchgegangen, wahrscheinlich sogar als ein relativ guter. Dass ein deutscher Ex-Terrorist beim Bundespräsidenten ein Gnadengesuch einreicht und eine Ex-Terroristin keine „Mörderin“ mehr sein, sich auch nicht als solche bezeichnen lassen will und zudem droht, dies mithilfe des „Schweinesystems“ gerichtlich durchzusetzen, grenzt ebenfalls an scherzhafte Absurdität. Ebenso übrigens aber auch die öffentliche Debatte darüber, ob und wie sich jemand Gnade „verdienen“ könne, so wie in der Talksendung „Maybrit Illner“ geschehen.

Dass Gnade als die „schöne Schwester der Willkür“ gerade darauf basiert, dass sie trotzdem und gerade demjenigen gewährt wird, der vor der Macht des sie Gewährenden zu Kreuze kriecht und mit seinem Betteln die eigene Unterlegenheit und der eigene Niederlage eingesteht, ging im Eifer der „ernsthaften“ Debatte vollständig unter. Dass sich in der selben Runde obendrein Hessens Ministerpräsident Roland Koch allen Ernstes darüber echauffierte, dass der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, es wagte, den Bundespräsidenten beim Nachnamen („der Köhler“) zu nennen, belegte ein weiteres Mal, wie ernstzunehmend die Bedrohung, der sich der Aprilscherz ausgesetzt sieht, tatsächlich ist.

Zum anderen ist es aber auch so, dass es aufgrund der um sich greifenden Absurdität politischer Ereignisse immer schwerer fällt, Nachrichten überhaupt noch Glauben zu schenken – oder eben auch nicht. Der Aprilscherz verpufft, wenn alles der Lächerlichkeit preisgegeben wird und gleichzeitig jede Lächerlichkeit unterschiedslos ernsthaft aufgearbeitet wird. Es ist auffällig, dass mit der Zunahme der Lächerlichkeit die Ernsthaftigkeit, mit der das Lächerliche diskutiert wird, ins Unermessliche steigt. Selbst wenn es also gelingt, etwas als tatsächlich „lächerlich“ zu erkennen, verbietet es das von globaler humaner Kollektivschuldigkeit getriebene Menschengewissen, die entstellende Fratze des Lächelns auch nur anzudeuten.

Mit einer ähnlich düsteren Zukunftsperspektive haben neben dem Aprilscherz auch andere Phänomene zu kämpfen, das „Sommerloch“ etwa. Als „Sommerloch“ wurde früher die Zeit genannt, in der sich politisch wenig regte, da die Granden in Urlaub weilten, was in der Regel politische Hinterbänkler auf den Plan rief, um mit mehr oder minder sinnvollen und zumeist spektakulären Aussagen für sich die Werbetrommel zu rühren. In den Zeitungsredaktionen griff man diese Statements nur zu gerne auf, was zum Schlüpfen zahlreicher „Enten“ führte. Doch auch dies geschieht in dieser Form kaum noch, oder eher: Dem Zeitungsleser drängt sich der Verdacht auf, als habe das Sommerloch seine jahreszeitliche Bindung vollends eingebüßt und sich mittlerweile auf das ganz Jahr ausgeweitet.

Man könnte aber auch anders herum argumentieren: Ein Loch beschreibt eine begrenzte Fläche, deren Grund deutlich niedriger liegt als die sie umgebenden Fläche, das „Normale“ ist mithin auf einem deutlich höheren Niveau, wodurch überhaupt erst ein „Loch“ möglich wird. Wenn dieses „deutlich höhere Niveau“ jedoch nicht existiert, steht es schlecht um die Existenz von Löchern. Dem Sommerloch geht es also an den Kragen – nicht nur wegen des Klimawandels, sondern auch wegen des Verlustes der Fähigkeit von Politikern, sich nicht wie Hinterbänkler aufzuführen.

Was bleibt ohne Aprilscherz und Sommerloch? Eine eingeebnete und zugleich bodenlose Monokultur, die zwischen ernstgenommener Lächerlichkeit und lächerlicher Ernsthaftigkeit, aber insgesamt weit unter Normal Null, changiert, und zwar so sanft, dass wir nicht geweckt werden. An nasse Füße müssen wir uns gewöhnen. Schlafen Sie gut.

Politik frisst Fußball frisst Politik

Der französische Staat hat nach den Ausschreitungen in den Pariser Vororten im Herbst 2005 kurzerhand die Straßen der betroffenen Banlieues auf unbestimmte Zeit für den Verkehr geschlossen. Damit erhofft man sich, der Gewalt ein Ende zu bereiten. Stimmt nicht, sagen Sie? Sie haben Recht. Wäre auch absurd und das Pferd von hinten aufgezäumt. Aber genau so reagierte Italien auf die jüngsten Ausschreitungen im Umfeld des Serie A-Spiels zwischen den beiden sizilianischen Fußballklubs Catania Calcio und US Palermo Anfang Februar, bei denen ein Polizist zu Tode kam.

(Erschienen in Novo87, März/April 2007)

Weiterlesen

Matthias Heitmann