Gunther von Hagens: „Tante Frieda ist in der Ausstellung genauso happy wie der Universitätsprofessor“

Von 31. Oktober 1997 bis 1. März 1998 war das Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit Schauplatz einer der umstrittensten Ausstellungen der letzten Jahre: Die Körperwelten des Heidelberger Anatoms Prof. Dr. Gunther von Hagens zeigten echte menschliche Körper und Körperteile, die mittels der von ihm erfundenen Methode der Plastination auf ewig konserviert wurden.Die Mannheimer Grünen beschimpften von Hagens als “moderne Version des Doktor Frankenstein”. Forderungen nach einem Verbot der Ausstellung wurden erhoben. Die Besucherzahlen sprachen hingegen ein deutliches Wort gegen das Verbot: Nachdem bereits über eine Million Menschen die Ausstellung in Tokio gesehen hatten, besuchten sie in Mannheim, trotz aller Kritik, mehr als 600.000. Ein Interview mit dem Erfinder der Plastination und Leiter der Ausstellung.

Wie schätzen Sie die Reaktionen der Ausstellungsbesucher ein?

Gunther von Hagens: Ich bin positiv überrascht, daß einer Besucherumfrage zufolge 95 Prozent der Besucher die Ausstellung gutheißen und sie weiterempfehlen. Nach der anfänglichen Kritik habe ich das nicht mehr zu hoffen gewagt. Die Ausstellung befriedigt das Bedürfnis vieler Menschen, sich über den eigenen Körper und dessen Funktionen zu informieren. Insbesondere bin ich aber überrascht darüber, dass die Ausstellung auch unter Medizinern so gut ankommt. Auch der medizinische Berufstand hat die Notwendigkeit der Laieninformation absolut verinnerlicht und zur eigenen Aufgabe gemacht. Die Umfrage zeigt, daß die Kritiken aus Medizinerkreisen nur vereinzelte sind. Ich kenne Berliner Arztpraxen, die komplett für einen Tag schließen, um nach Mannheim zu kommen und die Ausstellung zu sehen.

Wie erklären Sie sich, dass auf der einen Seite die Besucher die Ausstellung fast einstimmig begrüßen, auf der anderen Seite aber eine sehr kontroverse Debatte über die Ausstellung in der politischen Öffentlichkeit stattfand?
Gunther von Hagens: Das zeigt, daß die Presse noch am meisten das Ohr am Volk hat, die Politiker schon weniger und die Kirche gleich gar nicht. Ich habe mir aus den Besucherbüchern, die wir sammeln und auswerten, alle Kommentare unter dem Stichwort “Kirche und Glauben” herausgesucht und durchgelesen. Es ist erstaunlich, was dort geschrieben wird: Es soll von der Kirche und von der Kanzel dazu aufgefordert werden, hierher zu gehen und diese Ausstellung zu sehen, ist da zu lesen. Das Beharren auf alten Traditionen in einer sich wandelnden Welt ist der größte Fehler, der gemacht werden kann. Statt dessen sollten alle sich bietenden neuen Möglichkeiten genutzt werden. Insgesamt muß ich sagen, dass über die Ausstellung in der Presse zwar kontrovers, aber nicht negativ berichtet wurde.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel hatte sich anfangs für ein Verbot der Ausstellung eingesetzt, und die Mannheimer Grünen verglichen Sie mit “Doktor Frankenstein”. Berührt Sie solche Kritik?
Gunther von Hagens: Zunächst war ich in der Tat sehr besorgt, denn das Nichtzustandekommen der Ausstellung hätte meinen finanziellen Ruin und den Bankrott des Instituts für Plastination bedeutet. Die Sorge ging aber nicht in existentielle Tiefen, da ich überzeugt war, dass, wenn nicht in diesem Museum, ich die Ausstellung in einem privaten Museum oder auch in einer angemieteten Halle gezeigt hätte und die Leute gekommen wären, keine Frage. Im Gegensatz zu meiner Frau, die sehr viel besorgter war, war ich überzeugt, dass die Sache läuft.

Ich meine, dass die Stimme aus den Reihen der Grünen eine Einzelstimme war. Ich meine auch, dass die Stimme des Politikers Teufel eine einzelne Stimme ist. Es ist ja das Tolle in einer Demokratie, dass auch Politiker unterschiedliche Meinungen haben dürfen und sollen. Meiner Ansicht nach ist der Ministerpräsident falsch beraten worden, und er hat sehr gut daran getan, die Ausstellung nicht zu verbieten. Und ich habe meine Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass er die Ausstellung irgendwann noch sehen wird. Denn was hier vorgestellt wird, ist eine Blüte der weitsichtigen Landespolitik seines Amtsvorgängers Lothar Späth, der die Nebentätigkeitsverordnung der Universitäten so liberal gestaltet hat, dass es mir in den ganzen Jahren möglich war, die Plastination im universitären Rahmen zu entwickeln und durch eine ganz private Nebentätigkeit zu finanzieren.

Warum ist es Ihnen wichtig, Laien den menschlichen Körper näher zu bringen?
Gunther von Hagens: Ich habe gelernt, dass ich meiner ärztlichen Aufgabe, durch Aufklärung Prophylaxe zu betreiben, mit der Plastination in ganz besonderer Weise gerecht werden kann. Ich habe versucht, eine größere Ausstellung in Heidelberg zu organisieren, bekam aber von Museen nur Absagen. Da kam mir eine Einladung der Japanischen Anatomischen Gesellschaft gerade recht. Die Ausstellung in Tokio stellte einen Tabubruch sondergleichen dar. Seit über 300 Jahren durften in Japan keine Leichen gezeigt werden. Die japanischen Besucher waren dementsprechend fasziniert, und das Staunen stand in ihren Gesichtern geschrieben. Diese Erfahrungen haben mich emotional tief bewegt, und so kitschig es klingt: Seither fühle ich mich als Anwalt aller derjenigen Laien und Mediziner, die es als gerecht empfinden, einen direkten Einblick in das Körperinnere, ohne Umweg über Abbild oder Modell, nehmen zu dürfen.

Generell sollte den Laien unbegrenztes Wissen zugestanden werden. Ich finde, dass in der deutschen Wissenschaft die Informationspflicht des Wissenschaftlers dem Laien gegenüber, der die Wissenschaft ja finanziert, generell zu unterentwickelt ist. Man kann nicht auf der einen Seite vom mündigen Bürger und von Demokratie sprechen, wenn man dem Laien auf der anderen Seite das Recht auf Autopsie – das Selbst-Sehen – verweigert. Diese Autopsie ist von den Urvätern der Anatomie wie Leonardo da Vinci oder Andreas Vesalius zur Grundlage aller Wissenschaft gemacht worden. Wer sich als Laie informieren will, tut am besten daran, sich den Quellen der Wahrheit, nämlich den authentischen, zuzuwenden.

Der aufgeklärte Patient, der im Detail über Operationen aus gutem Grund Bescheid wissen muss und sich nicht mehr mit Unwissenheit begnügt, muß Zugang auch zu den Wissensquellen haben, die der Arzt in seiner Ausbildung nutzt. Es gibt kein Buch und kein Präparat, das dem Laien nicht zugänglich gemacht werden sollte. Als ehemaliger DDR-Bürger ist mir das ganz besonders wichtig, denn ich habe gesehen, wohin eine Gleichschaltung der Gesellschaft führt. Und wenn es auch für manche Ohren unpopulär klingt: Ich bin immer noch begeistert von der deutschen Demokratie, die dem Laien eine so große Macht ermöglicht, daß selbst wenn sich Kirchenvertreter und einige Politiker und Fachleute gegen eine Ausstellung aussprechen, diese trotzdem stattfindet, wenn sie vom Laien gewünscht wird. Insofern ist diese Ausstellung wie auch die öffentliche Debatte gelebte Demokratie im besten Sinne des Wortes.

Die Besucher Ihrer Ausstellung wurden vor Eintritt auf Schildern und Handzetteln auf die Brisanz der Ausstellung und die kontroverse, öffentliche Diskussion hingewiesen und belehrt. Kinder unter 14 Jahren sollten nicht bzw. nicht ohne Erziehungsberechtigte die Ausstellung besuchen dürfen. Warum sind solche Warnungen überhaupt notwendig?
Gunther von Hagens: Das ist eine Forderung des Stiftungsrates, der auf politischen Druck kurz vor der Ausstellungseröffnung zusammengetreten ist. Ich persönlich halte diese Maßnahmen für nicht notwendig. Die Ausstellung in Japan hat gezeigt, dass gerade Kinder sehr problemlos, weil nicht durch Tabus belastet, mit solchen Präparaten umgehen können.

Kritik an der Ausstellung kam ja nicht nur aus christlichen und konservativen Kreisen der Gesellschaft. Gerade aus liberalen Kreisen ist oft zu hören, Menschen könnten mit vielerlei Wissen nicht umgehen und seien auch moralisch und ethisch überfordert.
Gunther von Hagens: Das ist intellektueller Snobismus. Ich meine, dass sich der Laie in der Ausstellung über die sinnliche Erkenntnis sowie über die verstandesgemäße Instruktion sein Körperbild zusammenbaut. Ich beziehe mich hier auf Immanuel Kant, der vom doppelten Erkenntnisvermögen des Menschen spricht, zum einen über die sinnliche Perzeption und zum anderen über den Verstand. Dies ist der Grund dafür, weshalb Tante Frieda aus dem Fleischerladen in der Ausstellung genauso happy ist wie der Universitätsprofessor.

Ihnen wurde der Vorwurf gemacht, Sie hätten “Kunst” zur Schau gestellt und die Präparate künstlerisch, also künstlich verändert.
Gunther von Hagens: Jede Präparation, jede Darstellung auch nur eines einzigen Organs, ist ein ganz bewusster Eingriff in den Körper. Wenn ich mich da zum Schöpfer aufspielen sollte, dann macht das jeder, der Leichenteile in Präparate umwandelt. Es macht keinen Unterschied, ob ich ein Herz nehme und es in ganz besonderer, didaktisch sinnvoller Art und Weise aufschneide oder ob ich einen ganzen Körper lebensnah darstelle. Der Kunstvorwurf ist deshalb möglich, weil der moderne Kunstbegriff ein sehr offener und nicht allgemeingültig definiert ist. Deshalb muß ich mich ganz klar abgrenzen: Ich mache Anatomiekunst, und die definiere ich ganz scharf als die ästhetisch-instruktive Darstellung des Körperinneren. Insofern sehe ich mich in der Tradition der Urväter der Anatomie, die ihre Präparate immer auch als ein Kunstwerk verstanden haben wollten – aber im Sinne von Kunsthandwerk.

Sie haben auf einer Podiumsdiskussion gesagt, die Gesellschaft solle “dem Neuen und Revolutionären keine Schranken auferlegen”. Was meinen Sie damit?
Gunther von Hagens: Man soll nicht schreien: “Gib dem Kätzchen keine Milch, denn Du könntest es in ihr ersäufen!”. Man soll statt dessen durchaus Freiräume zugestehen und sie nicht beschränken, insbesondere wenn es sich um Entwicklungen handelt, die von der Mehrheit der Bürger gewünscht werden. Mir ist der moralische Kontext sehr wichtig. Dieser wird aber von den Bürgern gemacht und gelebt und nicht von Kommissionen oder Moralaposteln bestimmt.

Was ist der medizinisch-wissenschaftliche Nutzen der Plastination? Wird sie auch in der Lehre und im Forschungsbetrieb angewandt?
Gunther von Hagens: Es gibt zwei Modifikationen der Plastination: zum einen die Imprägnierung mit Silikonkautschuk, ich nenne sie Gestaltplastination, weil diese Präparate gestaltet werden; zum anderen die Fertigung von dünnen, transparenten Körperscheiben mit Epoxydharz. Beide haben unterschiedliche Anwendungsbereiche. Die Scheibenplastination eignet sich in hervorragender Weise als wissenschaftliche Methode zur kontinuierlichen Darstellung submakroskopischer Strukturen. So kann man dreidimensionale Nerven-, Bindegewebs- und Gefäßverläufe von Scheibe zu Scheibe verfolgen bis in den mikroskopischen Bereich hinein. Diese Methode wird z.B. in der Orthopädie in Heidelberg eingesetzt und brachte völlig neue Einblicke und Erkenntnisse.

Die Gestaltplastinate sind hingegen besser für die Lehre geeignet, für die studentische, aber auch insbesondere für die Lehre des Laien, weil die Präparate trocken und damit im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar und geruchlos sind und ein detailgetreues Oberflächenrelief haben. Insofern haftet ihnen nicht der Nachteil des Formalins an, das die Präparate farblich wie geruchsmäßig unattraktiv macht und durch die notwendige Aufbewahrung in Flüssigkeit allmählich verderben läßt. Die Plastination ist somit die modernste Technik, begreifbare, ästhetisch-instruktive Präparate herzustellen.

Was sind Ihre weiteren Pläne mit der Plastination?
Gunther von Hagens: Ich habe bereits das Zehnfache der gezeigten Präparate gedanklich im Kopf vorpräpariert. Ich möchte langfristig ein Menschenmuseum aufbauen, aus dem man, wenn man lange genug drinbleibt, als ein anderer Mensch wieder herausgeht. Als ein Mensch, der sich seiner Natürlichkeit und Verletzlichkeit, aber auch der Stärke seines Leibes bewusst wird.

Zusatzinformationen:
Der Plastinator: Prof. Dr. med. Gunther von Hagens wurde am 10.1.1945 in Alt-Skalden/Posen geboren und wuchs in der DDR auf. Nach seinem Medizinstudium in Jena wurde er nach misslungener Republikflucht 1968 inhaftiert und 1970 als politischer Häftling von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Seit 1974 lebt und arbeitet er in Heidelberg, zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später als Anatom im Anatomischen Institut der Universität Heidelberg. Dort erfand und entwickelte er die Plastination. 1994 gründete er das unabhängige “Institut für Plastination” (IfP) in Heidelberg, dem er als wissenschaftlicher Direktor vorsteht. Seither gründete er weitere Plastinationszentren in Kirgisien und China und wurde von der Medizinischen Universität Dalian in China zum Gastprofessor ernannt. Die Entwicklung der Plastination schildert Prof. Dr. von Hagens wie folgt: “Ich bin durch Zufall darauf gekommen. Als mir ein Präparator ein in Kunststoff eingebettetes menschliches Organ zeigte, fragte ich ihn, warum der Kunststoff um das Präparat herum gegossen würde, man könne ihn doch auch hineinspritzen, um es dann besser anfassen zu können. Der Präparator meinte, dies ginge nicht, da man den Kunststoff nicht in die Zellen hinein bekäme, ohne diese zu zerstören. Diese Antwort hat mich lediglich oberflächlich befriedigt… Als ich später in einem Uni-Shop eine Wurstschneidemaschine sah, kam mir die Idee, man könnte doch Präparate in Millimeter dünne Scheiben schneiden und sie anschließend zur weiteren Verwendung mit Kunststoff durchtränken. Mir kam dann der Gedanke, in einem zweistufigen Prozess der Konservierung zunächst das Gewebewasser gegen Aceton und in einem zweiten Schritt Aceton gegen einen Reaktionskunststoff auszutauschen. Mein erstes so behandeltes Präparat war zwar maximal geschrumpft und sah verkohlt aus, doch ich arbeitete mit anderen Kunststoffen weiter an der Methode. Am 10. Januar 1977 hielt ich schließlich mein erstes plastiniertes Präparat in Händen und wusste: Das ist meine Chance, die anatomische Lehre zu revolutionieren.”

Die Plastination und das Institut
Die Plastination ist ein sehr aufwendiges und komplexes Verfahren, dass übergreifendes Fachwissen und Erfahrung erfordert. Dabei tritt ein hochwertiges Polymersystem im Vakuum an die Stelle von Gewebsflüssigkeit und schützt so jede Körperzelle des Präparates dauerhaft vor Verwesung. Selbst die genetische Individualität bleibt hierbei erhalten. Die Präparate werden mit Aceton entwässert und anschließend in ein Gefäß mit Plastinationskunststoff gelegt. Im fast luftleeren Raum einer Vakuumkammer perlt dann das niedrigsiedende Aceton aus dem Präparat heraus. Dabei entsteht ein Volumendefizit im Präparat, das den Kunststoff in jede Gewebszelle “hineinsaugt”. Nach Abschluß der Vakuumimprägnierung erfolgt dann die Härtung des Präparates (Quelle: Informationsblatt Körperspende zur Plastination, Institut für Plastination Heidelberg, 3. Auflage 1997). “In einer Universität”, so Prof. von Hagens, “ist es nicht möglich, eine große öffentliche Plastinationsausstellung auf die Beine zu stellen. Ein solches Projekt sprengt einerseits die räumlichen und technischen Möglichkeiten einer Universität, ist aber andererseits auch politisch kaum durchsetzbar. Die ganze Geschichte – und auch die Anatomiegeschichte – lehrt uns, das Gremien und Parteien immer beharrlich und konservativ sind. Der gesellschaftliche Fortschritt wird hingegen immer von Einzelpersonen vorangetrieben. Auch jetzt wird mir noch der Vorwurf gemacht, ich dränge mich zur Presse und zur Öffentlichkeit und beschädige dadurch den Ruf der Universität und der Anatomie. In einem eigenen und unabhängigen Institut kann ich über solche Kritik hinwegsehen, aber in der Universität bin ich auf die Zustimmung aller angewiesen.”
Erschienen in Novo33, März 1998

„Frankfurter Präventionsräte – Opfer aller Stadtteile, vereinigt Euch!“

Die Gemeinschaft der Ängstlichen ist undemokratisch und autoritär!

Das Zauberwort der aktuellen Diskussion über die Probleme der inneren Sicherheit lautet: „Verbrechensprävention“. Entgegen altbackener „law and order“-Vorschläge verspricht die moderne Präventionsstrategie neue Wege in der Verbrechensbekämpfung. Die traditionelle „kriminalistische Nachsorge“ soll nun durch gemeinschaftliches Handeln in der Nachbarschaft und im Stadtteil ergänzt werden. Ziel ist es, das Sicherheitsgefühl der Bürger zu stärken und Verbrechen von vornherein zu verhindern.

Die Stadt Frankfurt am Main hat, wie keine zweite, die Voraussetzungen dafür, eine Vorreiterin dieser neuen Kriminalitätspolitik zu werden: Die Mainmetropole gilt als die deutsche Hauptstadt des Verbrechens, als Drogenumschlagplatz erster Klasse und habe zudem – was immer wieder in diesem Zusammenhang Erwähnung findet – den höchsten Ausländeranteil aller deutschen Großstädte. Bereits in der Vergangenheit stand das Thema Kriminalität nicht nur dauerhaft auf der politischen Tagesordnung am Main, sondern es schmückt auch alle Jahre wieder zur Wahlkampfzeit unzählige Werbeflächen und Häuserwände.

Es ist jedoch nicht nur der von allen Parteien diagnostizierte „Handlungsbedarf“, sondern auch die aktuelle parteipolitische Konstellation, die Frankfurt für Experimente so attraktiv macht: Im Frankfurter Römer ist die CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth auf Gedeih und Verderb mit einer schwächelnden SPD verbandelt. Das Überspringen von Parteigräben gehört deshalb gerade in Frankfurt zur politischen Überlebensstrategie und wird von allen Seiten rege betrieben. Die real existierende Große Koalition im Römer ist gezwungen, neue Wege zu gehen und diese in höchsten Tönen zu besingen, um ihre zersplitterte und demotivierte Wählerschaft und nicht zuletzt sich selbst bei Laune und der Stange zu halten. Das Thema „innere Sicherheit“ bietet hierfür eine gute Gelegenheit: Einerseits können überparteiliche Gemeinsamkeiten gepflegt und Handlungswilligkeit zur Schau gestellt werden; andererseits soll der verunsicherte Bürger durch direkte Zusammenarbeit mit Politik und Polizei wieder Vertrauen zu staatlichen Institutionen schöpfen.

„Gewalt-Sehen-Helfen“ – die neue Sicherheitskampagne der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth – offenbart diese Zielsetzung: Unter dem Motto „Reagieren statt Gaffen“ will Roth gegen „den zunehmenden Egoismus der Menschen und die Auflösung sozialer Bindungen“ vorgehen (Frankfurter Rundschau, 16.10.97). Mit zahlreichen Plakaten, Handzetteln und Veranstaltungen soll das verloren gegangene „Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft“ beschworen werden, denn schließlich, so betonte der Frankfurter Polizeipräsident Wolfhard Hoffmann, „könne jeder zum Opfer werden“. Um den Zusammenhalt dieser neuen Opfergemeinschaft zu schmieden, sind außerdem die Einrichtung eines Aktionstelefons sowie zahlreiche Projekttage an Frankfurter Schulen geplant. Hierüber sollen den kleinen und den großen Bürgern das Ausmaß der allgemeinen Bedrohung sowie sinnvolle „Verhaltensstrategien“ näher gebracht werden. Als besonders fortschrittlich wird zudem gepriesen, daß die Aktion nicht allein aus den ohnehin leeren Römerkassen finanziert wird. So wird in Polizeikreisen die Hoffnung geäußert, es mögen sich private Sponsoren bereit erklären, die Aktion zu finanzieren – ein geschicktes Manöver: Die Bürger sollen sich von Experten zunächst einschüchtern und dann „ausbilden“ lassen, ihre Sicherheit anschließend selbst organisieren – und dafür bezahlen.

Diese Kampagne ist jedoch nur ein Beispiel für die „experimentelle“ Sicherheitspolitik des Frankfurter Magistrats. Jenseits großer Öffentlichkeit ist Verbrechensprävention bereits seit längerem zu einem zentralen Bestandteil Frankfurter Kommunalpolitik geworden. Im Stadtpräventionsrat laufen die Fäden der parteiübergreifenden Kooperation zusammen.

Ihm gehören mit der Oberbürgermeisterin Roth, dem Polizeipräsidenten Hoffmann, dem Leiter der Frankfurter Staatsanwaltschaft, dem Ordnungsdezernenten und dem Dezernenten für Soziales und Jugend Repräsentanten der wichtigsten städtischen Behörden an. Dieses Gremium hat sich zum Ziel gesetzt, zukünftig in fast allen Frankfurter Stadtteilen die Errichtung regionaler Präventionsräte zu fördern. In ihnen sollen ehrenamtliche Bürger, Sozialarbeiter, Politiker und Sicherheitsbehörden auf lokaler Ebene in Sicherheitsfragen zusammenarbeiten. Neben Sensibilisierung und Ermunterung der Bürger steht vor allem die Suche nach erfahrenen und vertrauenswürdigen Führungspersönlichkeiten, die sich in den Räten engagieren sollen, im Zentrum der Arbeit. Der erste lokale Präventionsrat arbeitet seit Mai 1997 im Frankfurter Stadtteil Sossenheim. Unter dem Vorsitz der Vizepräsidentin der Industrie- und Handelskammer, Dagmar Bollin-Flade, hat der Rat unter anderem die Bewachung und Sicherung von Schulhöfen organisiert sowie eine Initiative zur Kennzeichnung von Kampfhunden mit Warnplaketten gestartet.

Als „kleines Stadtteilkabinett“ bezeichnet der Referent des Ordnungsdezernenten, Frank Goldberg, das Sossenheimer Gremium, dem neben Kirchenvertretern und Sozialarbeitern auch Schulrektoren und Vertreter des örtlichen Gewerbevereins angehören. Sichtbare Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung erwarte man zwar nicht – „Prävention ist nicht messbar“ -, bestätigt Goldberg, dennoch arbeite der Rat „mit großem Erfolg“: Die anfängliche Skepsis der Bevölkerung sei mittlerweile aufgrund der guten Öffentlichkeitsarbeit soweit gewichen, daß man „nicht mehr ständig die Existenz des Rates rechtfertigen“ müsse.

Offensichtlich bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit, um den Sossenheimern klarzumachen, daß sie dringend einen Präventionsrat brauchen. Den Bewohnern von Frankfurt-Zeilsheim soll dies im November dieses Jahres beigebracht werden. Unter der Leitung des Frankfurter Landtagsabgeordneten Alfons Gerling (CDU) soll ein ähnliches Gremium gemeinsam mit Bürgern im Stadtteil gegen die sich zusammenrottenden kriminellen Jugendlichen vorgehen. Zwar sei die Situation in Zeilsheim keineswegs spektakulär, betont Gerling, sondern eher mit der in anderen Vierteln zu vergleichen, dennoch könne ein solche Rat die „Kräfte im Stadtteil bündeln, besser als jede Partei“.

Auch andere Befürworter der staatlich geförderten Bürgerzusammenschlüsse stellen deren integrierende Rolle in der modernen „atomisierten Gesellschaft“ heraus. Nach Ansicht des Geschäftsführers des hessischen Landespräventionsrates, Dr. Helmut Fünfsinn, geht es um „soziale Kontrolle im positiven Sinn“: Die lokalen Initiativen sollen „den Straßenbahnschaffner und den Hausmeister ersetzen“, die früher den Menschen als Ansprechpersonen galten. Heute sei es wichtig, insbesondere im nachbarschaftlichen Umfeld ein „Wir- und Heimatgefühl aufzubauen, in dem der eine auch mal die Blumen des anderen gießt oder auf dessen Wohnung aufpaßt“. Mit „Blockwart“ oder dem „gläsernen Stadtteil“ habe dies nichts gemein.

Kritik an den Präventionsräten wird seit Jahren aus den Reihen der Rechtswissenschaft geübt. Betont wird in erster Linie die ungeklärte Rechtslage und die mangelnde demokratische Kontrolle der Stadtteilräte. Sowohl für Fünfsinn als auch für den bündnisgrünen Bundestagsabgeordneten Rezzo Schlauch aus Stuttgart ist diese Kritik jedoch aus der Luft gegriffen. Fünfsinn argumentiert, rechtsstaatliche Kompetenz erführen die Räte durch die mitarbeitenden Vertreter von Politik und Polizei. Schlauch hingegen hält generell die Frage nach der rechtsstaatlichen Verankerung der Präventionsräte für „formalistisch“ und fordert, man solle angesichts der großen Defizite bei der Verbrechensverhütung „nicht päpstlicher sein als der Papst“.

Diese Antworten offenbaren den problematischen Charakter der Präventionsräte: Wenn die rechtsstaatliche Kompetenz der Räte einzig durch Politik und Polizei gewährleistet werde, bedeutet dies, daß diese Vereinigungen letztlich nichts anderes sind als die zivile Ausdehnung staatlicher Ordnungsmacht. Was der unbeliebten Polizei und der entrückten Politik an berechtigtem Misstrauen entgegengebracht wird, soll nun mittels „öffentlich-rechtlich begleiteter Bürgerwehren“ wieder ausgeglichen werden. Dies erklärt auch, warum insbesondere Kommunalpolitiker sich für diese Räte stark machen. Die „Bündelung aller Kräfte im Stadtteil“, wie sie in Frankfurt-Zeilsheim angestrebt wird, bedeutet keineswegs den Ausbau der demokratischen Mitbestimmungsrechte der Bevölkerung im Viertel. Nicht der mündige politische Bürger, der, so er will, seine Politiker zum Teufel jagt, ist hier gefragt. Im Zentrum steht der schutzbedürftige und nach Kontrolle rufende Bürger, der in seiner Eigenschaft als Betroffener und als Opfer den Zusammenhalt der verunsicherten Gesellschaft aufrechterhalten soll. Schlechte Aussichten für die Freiheit!

Erschienen in Novo31, November 1997

„Herzog-Tum Deutschland“

Die ”Berliner Rede” des Bundespräsidenten Roman Herzog und was ihr folgte.

 

Ein Ruck solle durch Deutschland gehen, hatte Bundespräsident Roman Herzog gefordert, und die 250 Vertreter deutscher Prominenz aus Politik und Gesellschaft, die Ende April 1997 diese Worte im Berliner Hotel “Adlon” vernahmen, nickten und klatschten eifrig. Wenn auch kein Ruck, so doch ein kräftiger Windstoß fuhr tags darauf durch den deutschen Blätterwald: Zeitungen druckten ehrerbietend Herzogs ”Berliner Rede” ab und kommentierten sie zumeist wohlwollend. Als bahnbrechender und sinnstiftender Beitrag zur politischen Modernisierung des Landes soll die Rede nun sogar in deutschen Schulen und Hochschulen verteilt und diskutiert werden.

Es scheint, als ob Herzog heute der einzige Vertreter der politischen Klasse ist, dem noch Gehör und Glauben geschenkt wird – zu groß ist der Verdruss angesichts der Richtungslosigkeit und Schwäche der Parteien. Da tut es scheinbar gut, wenn der höchste Repräsentant des Staates vom Berliner Olymp hinab ins alltägliche Rampenlicht steigt und Standpauken hält, Rundumschläge gegen Politik und Gesellschaft verteilt und Visionen zu versprühen versucht. Auf einem anderen Blatt steht, was Herzog tatsächlich an neuen Ideen von seinen weltlichen Beratern ins Manuskript geschrieben bekam. Die Reaktionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft deuten jedenfalls an, welche Wendung der von Herzog anvisierte ”Aufbruch ins 21. Jahrhundert” nehmen wird: Sowohl Roman Herzog als auch Wirtschaftsvertreter und Öko-Strategen sind sich einig in ihrer Kritik am schwerfälligen, demokratischen Prozess und dem dazugehörigen wohlstandsverwöhnten Wahlbürger. Scheinbar müssen neue Strukturen her, die das Volk ins nächste Jahrtausend geleiten – und auf die Zuschauertribüne des politischen Prozesses.

Alte Sprechblasen

Einige bemerkten es doch: Neue Erkenntnisse hatte auch Roman Herzog in seiner ”Berliner Rede” nicht anzubieten. Im HANDELSBLATT wurde die Rede süffisant mit einem ”richtig diagnostiziert. Aber mit Verlaub: So weit waren andere auch schon”, kommentiert (28.4.97). Die STUTTGARTER ZEITUNG nannte mit ”Wolfgang Schäuble, Josef Fischer, Rudolf Scharping, auch Helmut Kohl” sogar die Namen derer, die bereits ähnlich weit gekommen waren (28.4.97).

Roman Herzog rekapitulierte in seiner Rede die allseitig bekannten Schilderungen der sozialen und wirtschaftlichen Lage in Deutschland, die von oben nach unten durch Lähmung, Immobilität, Angst und Selbstmitleid geprägt sei. In Einklang mit post-materialistischen Erklärungsmustern diagnostizierte er ”mentale Depressionen” und ”fehlende Innovationsfähigkeit im Kopf” der Deutschen und resümierte, die mentale und intellektuelle Verfassung eines Landes sei heute sogar wichtiger als der Finanzstandort und die Lohnnebenkosten. Entsprechend blumig führte Herzog dann seine Vision des ”Deutschland im Jahre 2020” aus. In der Sprache führender Soziologen pries er die Zukunft der ”Informations- und Wissensgesellschaft”, der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung, der Toleranz und der Menschenrechte, in der die Bundesrepublik eine führende Rolle als Motor des Fortschritts zu spielen in der Lage und gefordert sei.

Dass es bis dahin jedoch noch ein sehr langer Weg sein werde, dokumentierte Herzog allerdings selbst, als er die Reihe der zur inneren Erneuerung notwendigen Reformen skizzierte: An erster Stelle rangierten dann doch die zuvor noch zurückgesetzten Lohnnebenkosten, die es zu senken gälte. Die Stichworte ”Arbeitsmarkt”, ”Subventionen”, ”Deregulierung”, ”Arbeitslosigkeit” und ”Steuerreform” die auf den Plätzen folgten, boten in ihrer Gesamtheit die treffendste Zusammenfassung dessen, was seit Monaten in Bonn die Parlaments- und Gedankengänge verstopft. Aber nicht nur die Elite habe umzudenken: Auch ”der ewig verzweifelte Versorgungsbürger” müsse endlich von alten ”lieb gewonnenen Besitzständen” Abschied nehmen und die Freiheit der Marktwirtschaft annehmen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fügte sich Roman Herzog wieder ein in den Kanon etablierter Politik und forderte das, was alle fordern: Den Menschen müsse beigebracht werden, dass es so nicht weitergehe und dass sie – sei es nun zum Wohle der Wirtschaft, des Staatshaushalts oder der Umwelt – den Gürtel enger zu schnallen hätten.

Kein Wunder, daß angesichts mangelnder inspirierender Vorschläge des Staatsoberhauptes in den Reihen der frustrierten Volksvertreter Aufbruchsstimmung nur schwerlich aufkommen wollte. Bei aller rhetorischen Raffinesse konnte Roman Herzog eines nicht verheimlichen: Er selbst ist Teil dieser perspektivlosen politischen Elite in Deutschland, mag er sich auch durch moralisierende Standpauken oder post-moderne Visionen noch so klar von ihr abzugrenzen versuchen.

Abbau der Demokratie

Auch wenn die “Berliner Rede” des Bundespräsidenten wenig Neues beinhaltete, bot sie dennoch zahlreichen Politikern und Wirtschaftsvertretern einen Ansatzpunkt, eigene Vorstellungen über ein erneuertes Deutschland zu entwickeln. Der Rundumschlag des Präsidenten und dessen Forderung, alles müsse neu überdacht werden, lud geradezu ein zum Auswalzen alter Vorurteile und zum ”Überbordwerfen” grundlegender gesellschaftlicher Prämissen. Im kürzlich erschienenen Band ”Stimmen gegen den Stillstand – Roman Herzogs ‘Berliner Rede’ und 33 Antworten” offenbart sich die ”intellektuelle Verfassung” der deutsche Eliten: Die Kritik an Politik und Parteien wurde von vielen Autoren ausgeweitet zu einer Kritik am demokratischen System, das für die heutigen Anforderungen des globalen Wettbewerbs nicht mehr angemessen sei.

Zahlreiche Industrielle meldeten sich hier zu Wort und forderten tiefgreifende Veränderungen des Staates. Allen voran stellte der Vorsitzende des ”Bundesverbandes der deutschen Industrie” (BDI), Olaf Henkel, die bezeichnende Frage, ob angesichts der autoritären, aber dynamischen Gesellschaften in Asien ”ein Land mit unserer föderaler Struktur, mit sechzehn Bundesländern, einem Verhältniswahlrecht überhaupt die Chance hat, (…) wettbewerbsfähig” zu sein. Sein Plädoyer ”Für eine Reform des politischen Systems” fordert nicht eine Demokratisierung der Gesellschaft, sondern vielmehr ihre Ausrichtung nach rein wirtschaftlichen Erfordernissen (S.87ff.). Deutlicher wurden Heinrich von Pierer und Claus Weyrich – beide Vorstandsmitglieder der Siemens AG – in ihrem Essay ”Wir brauchen Innovationsführerschaft”: Ihre zehn Thesen zum Wirtschaftsstandort Deutschland transformieren die Gesellschaft kurzerhand zu einem großen Industriebetrieb, dessen einziges Ziel es sein könne, Profite zu erwirtschaften und den Markt so frei als möglich von staatlicher Intervention zu halten (S.184ff.).

Aber auch zahlreiche andere Stimmen forderten den rigorosen Abbau des Sozialstaates und die Berücksichtigung der Unternehmerbedürfnisse. Die von Herzog diagnostizierte mentale Blockade sei nur durch grundlegende Veränderungen ”der politischen Kultur und (über)sozialen Marktwirtschaft” zu beheben, war zu lesen (S.150). Nicht zuletzt der von vielen als möglicher SPD-Kanzlerkandidat gefeierte Gerhard Schröder stieß in das selbe Horn und forderte einen Wandel der Politik im Zeichen der Wirtschaft: ”Modernisierung der Wirtschaft heißt auch Modernisierung des Staates” (S.210).

Es wird deutlich, dass in diesen Konzeptionen Parlamente, die Abhängigkeit der Politiker vom Wahlvolk und damit die demokratische Kontrolle der Politik als Hindernis für wirtschaftliche Innovation betrachtet wird. Als zu träge und langwierig wurde die parlamentarische Arbeit beschrieben, die schnelles Handeln und Flexibilität verhindere. Auch Roman Herzog sprach von den die Gesellschaft und die Wirtschaft blockierenden Interessengruppen und den beständig auf Wählerstimmen schielenden Parteiführern. Niemand habe den Mut, dem Wahlvolk unbequeme Wahrheiten zu präsentieren und es zu notwendigen Schritten zu führen, statt dessen rede man ihm lieber nach dem Mund. Die Entscheidungsträger sollten vielmehr in der Lage sein, unabhängiger Politik betreiben zu können. Der ständige Blick der Eliten auf die nächsten Wahlen verhindere hingegen, so Herzog und die Anhänger der ”Deutschland AG”, dass notwendige Entscheidungen getroffen würden.

Im Zusammenhang mit der weit verbreiteten Forderung nach Aufgabe alter Besitzstände und Ansprüche wird hier offensichtlich, was wirklich hinter der Kritik am politischen Prozess steht: Nicht nur materielle Ansprüche sollen die Menschen aufgeben, sondern auch den, über alle Fragen mitentscheiden zu können und befragt zu werden. Die demokratische Konzeption, dass die Entscheidungsträger den Mehrheitswillen der Bevölkerung zu vertreten haben und repräsentativ die Souveränität des Volkes ausüben, taucht in dieser Vision des wettbewerbsfähigen Deutschlands nicht mehr auf. Die Tatsache, dass sich sogar die konservative Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth veranlasst sah, im Bundestag gegen diese anti-demokratischen Ideen Stellung zu beziehen, zeigt, welche Bedeutung derlei Konzepte mittlerweile erlangt haben.

Destruktive Kritiker

Auch von anderer Seite wurde Kritik an den Thesen Herzogs geäußert. In einem offenen Brief an den Präsidenten wandten sich zahlreiche deutsche Wissenschaftler gegen die Propagierung rein marktwirtschaftlicher Prinzipien. Hinter dieser Kritik verbirgt sich jedoch eine noch stärker pessimistische Sichtweise der Gesellschaft. Was die ”Vereinigung deutscher Wissenschaftler” kritisierte, war nicht in erster Linie die unternehmerische Huldigung des Marktes oder der Abbau demokratischer Mitbestimmungsrechte, die ein solches Konzept impliziert, sondern der Glaube an einen sozialverträglichen und menschengerechten Fortschritt.

Während Roman Herzog – bei allen sozialen Ungerechtigkeiten der Marktwirtschaft – den Versuch unternahm, im traditionellen Stil der Unionsparteien den Glauben an gesellschaftliche Innovation und Veränderung zu fördern, stellten Wissenschaftsvertreter und Vordenker des Ökologismus diese Haltung grundsätzlich in Frage. So Ernst Ulrich von Weiszäcker und der Direktor des Münchener Max-Planck-Instituts für Physik, Hans Peter Dürr: Für sie sind bereits ”Konkurrenz, Dynamik, Tempo und Handeln” als solche gefährliche Entwicklungen, vor denen zu warnen ist.

Geradezu persönlich getroffenen schienen sich die Unterzeichner des offenen Briefes durch die Kritik Herzogs an der Panikmache pseudo-wissenschaftlicher Schwarzmaler zu fühlen und reagierten entsprechend gereizt: ”Wollen Sie uns Wissenschaftlern ernsthaft nahelegen, unsere Bedenken in bezug auf Kernkraft, Gentechnik und Digitalisierung” zu verschweigen?” (TAGESSPIEGEL, 4.7.97).

Dass Roman Herzog dies nicht ernsthaft meint, liegt auf der Hand – genauso offensichtlich ist aber, dass sich hinter der allgemeinen Kritik an Wachstum, Wohlstand, menschlichem Handeln und wirtschaftlicher Dynamik nicht nur Misstrauen gegen profitsüchtige Unternehmer, sondern eine grundlegend destruktive und negative Einstellung gegenüber dem Menschen und der Gesellschaft verbirgt, die noch problematischer ist als das blinde Vertrauen in die Marktwirtschaft. Es ist genau dieses Misstrauen “kritischer” Intellektueller gegenüber der Menschheit, das die ideologische Basis für den Abbau materiellen Wohlstands und demokratischer Prinzipien in der Gesellschaft legt.

Erschienen in Novo30, September 1997

„Greenpeace gegen die gelb-schmutzige Gefahr“

Das Greenpeace-Magazin zog in seiner Mai/Juni-Ausgabe (1997) alle Register des ökologisch korrekten anti-chinesischen Chauvinismus.

Man fühlt sich an längst vergangene Zeiten erinnert, die man nur aus vergilbten Zeitungen und Schwarz-Weiß-Filmen kennt. Und doch ist das Titelbild des Greenpeace-Magazins ein Symbol für eine Weltsicht, wie sie heute weit verbreitet ist. Mehr als 50 Jahre nach dem Ende Zweiten Weltkrieges ist die „Gefahr aus Fernost“ ein Titelbild wert; diesmal jedoch nicht auf einer staatstragenden Zeitschrift oder einem Kriegspropagandablatt, sondern in der offiziellen Publikation der größten Umweltschutzorganisation der Welt.

Das Titelbild der Zeitschrift zeigt einen schlitzäugigen Blaumannträger mit rotem Kommunistenstern an der Brust, der unaufhaltsam mit seinen Proletenstiefeln über den untergehenden grün-bewaldeten Planeten Erde hinwegtrampelt, dem Fortschritt entgegen, im Rücken die aufgehende und brennende Sonne am glutroten Himmel. „Vorwärts um jeden Preis“ lautet der Untertitel des Bildes, und „Wie Chinas Wirtschaftsboom die Umwelt ruiniert“. Das Innere des Magazins gibt einen Vorgeschmack auf das, was uns wahrscheinlich als Umweltjournalismus des 21. Jahrhunderts noch öfter unter die Augen kommen wird.

Was das Greenpeace-Magazin hier präsentiert, ist ein Musterbeispiel für das, was man ohne weiteres als anti-chinesischen Öko-Chauvinismus bezeichnen kann: Eine „schmutzig-gelbe Gefahr“ aus Fernost ist, so will uns das Heft warnen, drauf und dran, die Lebensgrundlagen der zivilisierten Welt zu zerstören. Der um jeden Preis grinsend vorwärtstrampelnde Kommi-Proleten-Asiat mit dem fanatisch nach vorne gerichteten „Nach-mir-die-Wüste-Blick“ vereint alle anti-asiatischen Vorurteile, die heute im Umlauf sind: Nach der Invasion japanischer Touristen, Kleinwagen und Kunstsammler und der Überflutung des europäischen Marktes durch koreanische Kleinbildkameras laufen wir nun Gefahr, von fernöstlichem Dreck und Gestank und Umweltkatastrophen made in China überrollt zu werden. Die Bilder im Innern des Heftes sprechen hier für sich. In glutrot und verbrannt-gelb gehaltenen Bildern erscheint China als verschmutzte und lebensfeindliche Boom-Wüste mit Bildüberschriften wie „Pech und Schwefel über den Metropolen“, „Das Ende der Wälder“, „Das Land der toten Flüsse“ und „Die tödliche Kraft des Atoms“.

Diese Darstellung der Gefahr aus Fernost knüpft geradezu nahtlos an das traditionelle westliche Asien-Bild an. Waren es in der Weltkriegspropaganda in erster Linie die Japaner, die in Zeitungskarikaturen als Ratten, blutrünstige Monster oder Insekten die westlichen Pfründe bedrohten, so sind es heute die boomenden Tiger-Staaten sowie China, die mit einer Mischung aus insgeheimer Bewunderung und offener Feindseligkeit beäugt werden. Die Vorstellung der japanischen Gesellschaft als anonymer Ameisenhaufen sowie die Schreckensvisionen der unendlichen, gesichtslosen chinesischen Arbeiterarmeen sind heute präsenter denn je. Sie zeugen davon, daß auch heute tiefsitzendes Misstrauen und Verachtung das westliche Asienbild prägen.

Dass heute nicht mit Insektenbildern hantiert wird, ist kein Anlass zur Entwarnung. Der Chauvinismus bedient sich heute lediglich einer anderen Sprache. Denn ob durch die Darstellung als Ungeziefer, als Ameisenvolk oder als unverbesserliche, fanatische Weltverpester – die Schlussfolgerung ist die gleiche: Asiaten sind eine aggressive Bedrohung für die zivile, demokratische und offene Gesellschaft des Westens.

Das Gefährliche an dieser neuen Form des Chauvinismus ist, dass er von den meisten Menschen nicht als solcher erkannt wird. Gekleidet in ökologische Formeln ist oberflächliche und vorurteilsbeladene Ablehnung von Menschen jedoch keinesfalls weniger gefährlich. Im Gegenteil: Hier erhält Chauvinismus eine neue, „verdauliche“ Konsistenz. Das Greenpeace-Magazin hat ganze Arbeit geleistet: Es hielt seinen Titelbild-Chinesen scheinbar für so gelungen, daß es ihn auch noch in Postkartenformat über der Welt ausschüttete.

Erschienen in Novo29, Juli 1997

„Ein paar der fettesten Enten schlachten“

Eine Besprechung von Burkhard Müller-Ullrichs Buch „Medienmärchen. Gesinnungstäter im Journalismus“, Karl-Blessing Verlag, München 1996, 254 Seiten.

 

Burkhard Müller-Ullrichs Buch Medienmärchen. Gesinnungstäter im Journalismus will aufräumen im Entenstall des 90er-Jahre-Journalismus. Und es will nicht nur Enten zählen und erzählen, es fragt auch nach Möglichkeiten, den zu Text erstarrten Schall und Rauch des „Gesinnungsjournalismus“ aus dem journalistischen Geschäft zu drängen. Daß es Müller-Ullrich dabei sehr ernst meint, stellt der Leser schon daran fest, daß der Name des Vorzeigefälschers der deutschen Medienlandschaft Hans-Michael Born beruhigenderweise auf den ersten 187 Seiten keinerlei Erwähnung findet. Während viele Medienkritiker das Jahr 1996 zum Born-Jahr kürten und an ihm ein oberflächliches, „Born-iertes“ Exempel für die Verführbarkeit von Chefredakteuren und Nachrichteneinkäufern statuierten, befaßt sich Müller-Ullrich mit einem viel grundlegenderen Trend, der die Grundfesten des Journalismus viel entscheidender in Frage stellt, als oben genannter Starfälscher es jemals zu tun gewagt hätte.

Der Autor, selbst interner Kenner des verschlungenen Kanalsystems im ”öffentlich-rechtlichen Äther sowie der ausgetretenen Pfade des deutschen Blätterwaldes, unternimmt in Medienmärchen den Versuch, dem sich rasant ausbreitenden „Nonsense“, sprich, „der Systemik, mit der Fehler und Irrtümer erst verbreitet und gestärkt werden“, zu Leibe zu rücken (S.14). Als „Enemy of Nonsense“, wie Müller-Ullrich mit einem Zitat von George Orwell die Devise eines guten Journalisten beschreibt, muß man mehr tun, als lediglich die Verbreitung einzelner Exemplare der Gattung „Nonsense“ durch die Medien zu verhindern, denn es geht letztlich um die Ausmerzung dieser besonderen Spezies des Journalismus, die er auch „Gesinnungsjournalismus“ nennt. Nicht BILD-Journalismus ist also der Stein, der ins Rollen und Trudeln kommen soll, sondern die moderne taz-Variante.

Burkhard Müller-Ullrich („BMU“) richtet seine Aufmerksamkeit nicht – wie viele seiner Kollegen – auf den Parteienfilz der Medienwelt, die Korruption oder die Geldgier, sondern erklärt unumwunden, daß „Journalisten keine Opfer“ sind.Während der bekannte Journalist Heinz Burkhart in seinem Buch „Medienknechte“ von 1993 anmahnt, ein Journalist sollte „kein Parteibuch haben“ und die parteipolitischen Verflechtungen im Medienapparat anprangert, geht „BMU“ einen Schritt weiter und konfrontiert die Journalisten direkt. Nach seiner Einschätzung ist das, was in den Köpfen der journalistischen „Gewissenschaftler“ vorgeht, entscheidender als jeder Filz:

„Denn viele Journalisten, zumal hierzulande, wollen gar nicht reagieren, sondern regieren und agieren – um nicht zu sagen: agitieren. Für sie ist Journalismus vor allem eine Sache der Gesinnung.“ (S.19)

Medienmärchen handelt also von den Überzeugungstätern und von der zunehmenden Fälschungssucht gerade der „engagierten“ Journalisten, die jede konservativ-politische Verstrickung weit von sich weisen würden. Sie werden treffend „Solidaritäter“ genannt, die in der Verfolgung ihrer zum Teil sicherlich hehren Ziele ihre eigentliche Aufgabe verdrängen und den Journalismus ad absurdum führen:

„Sie wollen Betroffenheit zeigen und Betroffenheit erzeugen; sie wollen Überzeugungsarbeit leisten. Die Nachrichten müssen sich halt danach richten… Gesinnungsjournalisten verstehen sich als Vorkämpfer des Guten in einer bösen Welt. Deshalb stoßen sie beständig Warnungen … aus. Warnen heißt: eine Befürchtung proklamieren. Eine Befürchtung hat etwas nicht Bewiesenes zum Inhalt. Befürchtungen sind somit das Gegenteil von Nachrichten.“ (ebd.)

In diesem Kampf gegen „das Böse“ geraten Nachrichten und Fakten unter der Feder mehr und mehr zu „Vehikeln der Empörung“. Der Autor listet unzählige Beispiele für solche „Nachrichten“ auf, die in ihrem schonungslos aufgedeckten Umfang – der Autor zitiert eine Untersuchung, nach der gegenwärtig in den Medien bis zu 46 Prozent mehr gelogen werde als vor zehn Jahren – die bedrohlichen Ausmaße des Gesinnungsjournalismus offenbar werden lassen.

Medien-GAU

In der Folge zeichnet der Autor anhand der ökologischen und moralischen Reizthemen „Waldsterben“, „Tschernobyl“, „Brent Spar“ und „Organhandel“ nach, zu welchen Verfehlungen und öffentlichen Fehlwarnehmungen gewissensmotivierter Journalismus führen kann. Ganz im Tenor von Dirk Maxeiners und Michael Mierschs Buch „Ökooptimismus“ wird erklärt, daß es den schreibenden „Zeitgeistverstärkern“ und „Hiobsbotschaftern“ nicht daran liegt, realistische und faktische Berichterstattung zu liefern, frei nach dem Motto: „Dies mag für die Umwelt eine gute Nachricht sein, für den Umweltjournalisten ist es, so paradox es klingen mag, eine schlechte“ (Ökooptimismus“, S.23). Das Aufbauschen von Untergangsszenarien hat System, „BMU“ erkennt darin den „Fundus traditioneller Zivilisationskritik“ sowie den „linksgewendeten Phänotyp der Nach-Achtundsechziger-Zeit“, in der Optimismus schädlich, weil keine Betroffenheit erregend, und deshalb mit allen Mitteln verhindert wird. Da oft die nahende Katastrophe nicht gesehen werden kann und – angesichts der Tatsache, daß mittlerweile sogar Forstwissenschaftler vom „Tod des Waldsterbens“ sprechen – wohl auch zukünftig unsichtbar bleibt, entlarvt Medienmärchen den Ökojournalismus, der „mit Worten und Zahlen versuchte … aufzuwiegen, was Bilder nicht hergaben“.

Am Beispiel der Berichterstattung über den Atomunfall in Tschernobyl sowie dem Skandal um die deutsche Atom-Molke, die monatelang auf deutschen Eisenbahngleisen hin-und-her-gerollt wurde, wird die unkritische Übernahme von Horrormeldungen verdeutlicht, die zu den absurdesten Nachrichten mutierten. Da wurde mit angeblich radioaktiven Überdosen gehandelt, in verwirrender Maßeinheiten-Vielfalt das nahende, globale Ende heraufbeschworen und kurzerhand alle 125.000 seit 1986 verstorbenen Ukranier als Tschernobyl-Opfer aufgelistet. Angesichts dieses haarsträubenden „Medien-GAUs“ bleibt Müller-Ullrich in Bezug auf die Tatsache, daß oft sogenannte Höchstwerte sogar die natürliche Radioaktivität überstiegen, nur noch die sarkastische Bemerkung, der liebe Gott habe sich bei der Erschaffung der Welt „offensichtlich nicht an die Empfehlungen der internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP)“ gehalten (S.35). Aber auch hier stellt „BMU“ einen Kontext her zu den Veränderungen in der Gesellschaft. Als Grundproblem benennt er, daß

„… nach einem Vierteljahrhundert soziologisch zugerichteter ‚Wissenschaftskritik‘ … Repräsentanten des naturwissenschaftlich-technischen Forschungsbetriebs in der öffentlichen Meinung zu Generalverdächtigen geworden [sind]. Der Fallout dieser Kenntnislosigkeit schlug sich in allen Medien nieder… Nach dem Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Sachverständigen und Laien haben im öffentlichen Diskurs eindeutig die Laien das Sagen. Daß dies auf Dauer nützlich ist, ist nicht unbedingt anzunehmen.“ (S.41)

Eßbare Mitbürger

Mit der Diskussion über Tierrechte und Tierversuche greift der Autor ein weiteres heißes Eisen auf und beschreibt, wie auch in diesem Falle die Medien als Themenschmiede fungieren. Behutsam wird hergeleitet, daß die unterschiedlichen Begründungen des Tierschutz-Gedankens auf moralischen, religiösen und humanistischen Gefühlen basieren – denn noch hat kein Tier eigenständig seine Rechte eingeklagt. Müller-Ullrich fügt trocken hinzu, daß für „die Gefühlskultur … bekanntlich die Massenmedien zuständig“ seien (S.119). Was folgt, ist eine augenöffnende Beschreibung der journalistischen Methoden, um immer neue Empörung zu entfachen und das Thema Tierschutz seit nunmehr einigen Jahren in den besten Sendezeiten zu plazieren. „BMU“ führt die Inszenierung tendenziöser Talkshows an, etwa in der Besetzung 8:1 für die Tierversuchsgegner, in denen aufgestachelte Moderatoren, untermauert von einer Vielzahl sogenannter Experten, höhnische Bemerkungen über die „berufsmäßigen Tierquäler“ fallen lassen. Hervorgehoben wird Lea Rosh, in deren Live-Sendung „Freitagnacht“ am 30. März 1990 scheinbar überfallartig Tierversuchsgegner vor die Kameras zogen, später aber von der Moderatorin „mit Küßchen links und Küßchen rechts“ verabschiedet wurden (S.120). Hier sind die Medien nicht mehr nur „Zeitgeistverstärker“, sondern „-produzenten“.

Auch die reißerischen Enthüllungsfilme des Tierfilmemachers Stefan Eckert werden, trotz dessen gerichtlich nachgewiesener Qualifikation als notorischer Fälscher, eifrig weiter gesendet. Die von Müller-Ullrich so bezeichnete „moralische Überhöhung des Nichtwissens und Nichtbesserwissenwollens“ sowie der von ihm diagnostizierte „moralische Überdruck“ führen zu emotionalen Ergüssen wie „Tier-KZs“ und „Holocaust der Tiere“. Da tröstet es auch wenig, wenn der Chefredakteur der Zeit, Robert Leicht, feststellt, daß „… irren eben doch menschlicher“ sei. Denn der Irrtum ist zwar menschlich, dieser kann aber nur als solcher entlarvt werden, wenn es auch das menschliche „Besserwissenwollen“ gibt.

Die Entstehung solcher an den Haaren herbeigezogener Berichte führt Müller-Ullrich auf die allgemeine intellektuelle Abkehr von Wissenschaftlichkeit und Rationalität zurück:

„Nachdem das Projekt rationaler Normenbegründung offenbar auf Grund gelaufen ist, steigt man nun um in die Rettungsboote der Irrationalität. Die Auffassung, daß ethischer Fortschritt einen Preis an Vernunft koste, kommt allgemein in Mode und findet in den Kampagnen der Tierversuchsgegner ihr Exempel.“ (S.122)
In besonders peinlicher Offenheit präsentierte sich die kreative Energie des Bestürzungsjournalismus‘ im Falle der Brandkatastrophe in einem Lübecker Asylbewerberheim Anfang 1996, bei der zehn Menschen ums Leben kamen. Anstatt objektiv über die Katastrophe zu berichten, wurde sofort zur Jagd auf eventuelle Täter geblasen. Und so wurde aus der standesgemäß vagen Aussage eines Einsatzleiters der Rettungsmannschaften:

„Auch die Feuerwehr schließt nicht aus, daß…“, ohne sich groß mit weiteren Details zu befassen, der „rassistische Alptraum“ von Lübeck. Chaotische, internationale Journalistenhorden belagerten den Ort auf der Suche nach unbehaarten Jugendlichen und Hakenkreuzen an den Wänden.

Als RTL-Reporter tatsächlich ein solches auftreiben konnten und dann auch die Polizei vier Glatzköpfe aus dem Örtchen Grevensmühlen festnehmen konnte, war die Hypothese vom rassistischen Übergriff bereits Realität. Der oben bereits zitierte, bedauernswerte Einsatzleiter äußerte am nächsten Morgen den Eindruck: „Die Medien wollen, daß es Rechtsradikale waren.“ Diesen Eindruck bestätigen die folgenden Ereignisse: Auf der Suche nach der rechten Grevesmühler Ortsjugend erfolglos geblieben – die Jugendlichen hatten sich als Treffpunkt ausgerechnet eine Döner-Imbißbude ausgesucht -, war erneut die Kreativität der „Bewußtseinsindustrie“ gefragt.

„In der Not griff der NDR beherzt ins Archiv und zauberte mit diesem Kunstgriff die Grevesmühler Neonazis ins Abendprogramm. Die Aufnahmen waren gut drei Jahre alt… am Samstag, als sich die Kunde von der Freilassung der vier jungen Männer verbreitete, gab es Entwarnung, und die Reportermeute zog so schnell von dannen, wie sie gekommen war.“ (S.129)

Nun mußten sogar eingefleischte Gesinnungsjournalisten den Schwanz einziehen. Die taz entschuldigte sich ebenso bei ihren Lesern wie Die Zeit, die sogar bekannte, doppelt so viele Reporter nach Lübeck entsandt zu haben als 1989 nach Berlin zum Fall der Mauer.

Doch auch Flexibilität ist gefragt: Als nur ein paar Tage später ein 20jähriger Libanese als Verdächtiger in Lübeck festgenommen wurde, war aller Selbstzweifel und kurzzeitige journalistische Zurückhaltung schon wieder vergessen. „BMU“ beschreibt die fast hyänenhafte Jagd der Medien wie folgt: „Er galt fortan als Hauptverdächtiger, was wiederum so gut wie allen Medien ausreichte, um ihn unzählig viele Male mit Bild und vollem Namen der Öffentlichkeit vorzuführen. Dieser Richtungswechsel geschah so abrupt und entschieden, daß die Blamage für einen Großteil der Presse nicht ausblieb.“ (ebd.)

Ähnliche „pawlowsche Medienreflexe“ (S.131) hatte man schon im Winter 1993/94 beobachten können, als das behinderte Hallenser Mädchen Elke mit eingeritztem Hakenkreuz vorgab, von Skinheads überfallen worden zu sein, sich aber später in Widersprüche verwickelte und das Ganze als „Fake“ in die Geschichte einging. Nicht jedoch für alle – Elke bekannte noch eineinhalb Jahre später: „An den Überfall glaub‘ ich noch immer“ (Stern, 17.8.95). Das ist ihr gutes Recht, jede/r soll an das glauben, was er/sie für richtig h„lt. Bei Journalisten ist das jedoch etwas anderes, denn glauben heißt nicht wissen, und Wissen ist gefragt. Um so bedenklicher der Kommentar der Zeit zum Thema: „Nein, für Zweifel an jener ersten Nachricht aus Halle gibt es keinen Spielraum. Das Erschrecken bleibt, denn noch in der Lüge steckt auch die Wahrheit“ (21.1.94). Noch Fragen?

Ja! Und Burkhard Müller-Ullrich stellt sie in seinem Buch, jedoch ohne eine wirklich überzeugende Antwort zu finden. Zum Beispiel die Frage nach dem „Was tun?“ gegen die Front der Gesinnungsjournalisten. Seine Schlußbetrachtung „Nachrichten im Crashtest“, in der er Lösungsansätze präsentiert, fällt etwas flacher aus als seine spitzzüngigen und peinlichen Enthüllungen und gleitet mitunter ins Ironische ab. Eine Forderung Müller-Ullrichs lautet, daß dem Namen eines jeden Autoren zukünftig immer auch dessen Alter angefügt werden müsse, damit man wisse, mit wem man es zu tun habe. Nicht unbedingt logisch erscheint dieser vermutete direkte Zusammenhang aus Geburtsjahr und Gesinnung. Des weiteren klagt Müller-Ullrich die bessere Ausbildung von Journalisten ein. Gut, aber ist es nicht auch die zunehmend von Moral und Verantwortungsbewußtsein durchtränkte Ausbildung in Journalistenschulen, die den journalistischen Nachwuchs verdirbt?

Braucht man eine besondere Ausbildung, um die Wahrheit zu sehen und darüber zu berichten? Oder gibt es etwa tatsächlich Probleme damit, die Wahrheit zu erkennen? Der Autor suggeriert hier, als ob dies tatsächlich schwer sei. Seine Anregung, für Nachrichten „Crashzonen“ und somit für den Nachrichtenkonsumenten eine Art „Informations-Airbag“ einzurichten, klingt fast nach einem Zugeständnis. Sollen wir Nachrichten grundsätzlich nicht mehr ernst nehmen, da es auch alles ganz anders gewesen sein k”nnte? Man stelle sich Nachrichtensprecher vor, die am Ende der „Tagesschau“ anfügen, daß „alle Angaben wie immer ohne Gewähr“ seien. Brauchen wir dann überhaupt noch die Tagesschau? „BMU“ hat zwar recht, wenn er es als bedenklich erachtet, daß Peter Glotz die Errichtung einer Art „Bundeswahrheitsinstitut“ befürwortet (S.235). Aber das Problem besteht nicht in der Wahrheit selbst, sondern darin, daß sie kaum mehr eingefordert wird. Dafür muß gestritten werden. Der Schlußsatz von Medienmärchen läßt erahnen, um was es gehen sollte:

„Die Besorgnis, der gegenwärtige Gesinnungsschmus könnte bei den Massen auf die Dauer Überdruß auslösen und zu einer Gegenreaktion führen, ist sicherlich nicht unberechtigt… denn wenn es dem Verfasser vor etwas mehr graut als vor dem linksökologischen, multikulturellen, politisch korrekten Meinungsterror von heute, dann ist es derjenige von morgen mit den umgekehrten Vorzeichen.“ (S.236)

Burkhard Müller-Ullrich trägt mit Medienmärchen dazu bei, daß die Diskussion ums journalistische Selbstverständnis weiter belebt wird. Publikationen anderer Journalisten zur gleichen Thematik (nicht zuletzt immer wieder auch in Novo) und die zunehmende Defensivität der „Solidaritäter“ machen deutlich, daß ein solcher Diskurs begonnen hat. Bleibt zu hoffen, daß er nicht in unproduktive Zynik abrutscht. Medienmärchen ist ein harter Tritt vors Schienbein der „Bewußtseinsindustrie“ in traditionell eher linksliberalen Redaktionen.

Erschienen in Novo27, März 1997

Matthias Heitmann